Wenn die Wortfindung mit den richtigen Lauten beginnt

Natalie Yona - Logopädin & VP of Clinical Strategy Cognishine
Bildung

Für viele Logopädinnen und Logopäden ist die phonologische Bewusstheit eng mit dem frühen Schriftspracherwerb verbunden. Dabei denken wir an Reime, das Erkennen des ersten Lautes eines Wortes, das Segmentieren von Silben oder das Manipulieren von Phonemen – grundlegende Fähigkeiten für Kinder, die lesen lernen.

Doch was wäre, wenn genau diese Fähigkeiten auch eine wichtige Rolle dabei spielen könnten, Erwachsene nach einem Schlaganfall beim Wiedererlangen ihrer sprachlichen Fähigkeiten zu unterstützen?

Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass genau das der Fall sein könnte.

Bei Menschen mit Leitungsaphasie besteht die Herausforderung häufig nicht darin, Sprache zu verstehen oder zu wissen, was sie sagen möchten. Die Schwierigkeit liegt vielmehr darin, auf die genaue Lautstruktur eines Wortes zuzugreifen und diese lange genug aufrechtzuerhalten, um das Wort korrekt auszusprechen. Diese Beeinträchtigung führt häufig zu phonematischen Paraphasien, wiederholten Selbstkorrekturen und Schwierigkeiten beim Nachsprechen sowie zu dem typischen Gefühl, das richtige Wort eigentlich zu kennen, es aber nicht korrekt aussprechen zu können.

Über die reine Wortbenennung hinaus

Seit vielen Jahren konzentriert sich die Therapie von Wortfindungsstörungen vor allem auf die semantische Aktivierung oder den Einsatz von Hilfestellungen. Diese Ansätze sind nach wie vor wertvoll. Zunehmende Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass ein weiterer wichtiger Aspekt ebenso viel Aufmerksamkeit verdient: das phonologische System selbst.

Aktuelle neurokognitive Modelle gehen davon aus, dass Aufgaben zur expliziten phonologischen Bewusstheit und die mündliche Wortbenennung auf dasselbe zentrale phonologische Netzwerk zurückgreifen. Statt phonologische Bewusstheit ausschließlich als Fähigkeit im Rahmen des Schriftspracherwerbs und damit als Thema der pädiatrischen Therapie zu betrachten, beschreiben Forschende sie zunehmend als einen Einblick in die Funktionsfähigkeit des phonologischen Systems, das die gesprochene Sprache bei Erwachsenen unterstützt. Ist dieses System beeinträchtigt, wie es bei einer Leitungsaphasie häufig der Fall ist, können sowohl die Wortbenennung als auch die phonologische Verarbeitung erschwert sein.

Diese Sichtweise kann auch ein Phänomen erklären, das viele Therapeutinnen und Therapeuten aus der Praxis kennen: Patientinnen und Patienten mit Wortfindungsstörungen haben häufig größere Schwierigkeiten mit längeren oder phonologisch komplexeren Wörtern. Sie vertauschen möglicherweise Laute, lassen Phoneme aus oder benötigen mehrere Versuche, bis sie das richtige Wort produzieren können. Diese Auffälligkeiten sind nicht zufällig. Sie weisen auf eine instabile phonologische Repräsentation hin, die eine erfolgreiche Wortproduktion erschwert.

Wichtig ist, dass die Forschung nicht darauf hindeutet, dass eine eingeschränkte phonologische Bewusstheit direkt eine Wortfindungsstörung verursacht. Vielmehr scheinen sowohl die Wortbenennung als auch explizite phonologische Aufgaben von einem gemeinsamen phonologischen System abhängig zu sein. Ist dieses System beeinträchtigt, können die Leistungen in beiden Bereichen nachlassen. Diese Unterscheidung lenkt den Fokus weg von der isolierten Behandlung einzelner Wortfindungsprobleme hin zur Stärkung des übergeordneten phonologischen Netzwerks, das eine erfolgreiche Wortfindung unterstützt.

Von der Forschung in die therapeutische Praxis

Dieses zunehmende Verständnis hat praktische Auswirkungen auf Diagnostik und Therapie. Anstatt die Wortbenennung isoliert zu betrachten, kann es sinnvoll sein, verschiedene Aspekte der phonologischen Verarbeitung zu untersuchen. Dazu gehören beispielsweise das Erkennen von An- und Endlauten, das Erkennen von Reimen, die Silbenbewusstheit, die Manipulation von Lauten, das Nachsprechen von Pseudowörtern sowie das Auftreten phonematischer Fehler. Zusammengenommen ermöglichen diese Bereiche ein differenzierteres Verständnis davon, an welcher Stelle die Sprachverarbeitung beeinträchtigt ist, und können dabei helfen, die Therapie gezielter auszurichten.

Auch die Forschung zu phonologisch orientierten Therapieansätzen liefert vielversprechende Ergebnisse. Ansätze wie die Phonological Components Analysis (PCA), die im deutschsprachigen Raum auch als phonologische Merkmalsanalyse bekannt ist, die vor allem im englischsprachigen Raum verbreitete Phonomotor Therapy und phonematische Hilfen konnten relevante Verbesserungen bei der Wortfindung trainierter Wörter zeigen. Einige Studien berichten zudem über einen längerfristigen Erhalt der Therapieerfolge sowie eine Generalisierung auf nicht trainierte Wörter. Auch wenn weitere Forschung speziell zur Leitungsaphasie erforderlich ist, sprechen die bisherigen Erkenntnisse dafür, die phonologische Verarbeitung ergänzend zu semantischen Ansätzen in die Therapie einzubeziehen.

Evidenzbasierte Ansätze mit Cognishine in die Praxis bringen

Forschungsergebnisse in eine sinnvolle therapeutische Praxis zu übertragen, stellt häufig eine der größten Herausforderungen dar. Genau aus diesem Grund haben wir innerhalb der Cognishine-Plattform eine neue Sammlung evidenzbasierter Übungen zur phonologischen Bewusstheit entwickelt.

Die speziell für die Neurorehabilitation von Erwachsenen entwickelten Übungen ermöglichen es, evidenzbasiertes phonologisches Training mithilfe ansprechender und interaktiver digitaler Therapieübungen in den therapeutischen Alltag zu integrieren.

Die Sammlung umfasst Übungen zu folgenden Bereichen:

  • Erkennen von An- und Endlauten
  • Segmentieren und Zusammensetzen von Silben
  • Erkennen von Reimen
  • Schrittweise Wortfindung von kurzen bis hin zu längeren Wörtern

Die Übungen können bei Menschen mit Leitungsaphasie, Wortfindungsstörungen und anderen erworbenen Sprachstörungen eingesetzt werden, bei denen Beeinträchtigungen der phonologischen Verarbeitung zu Wortfindungsproblemen beitragen.

Da sich der Therapieverlauf individuell unterscheidet, können Therapeutinnen und Therapeuten den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben einfach anpassen, die phonologische Komplexität schrittweise steigern und die Übungen mit der Wortfindungstherapie kombinieren. Dieser flexible Ansatz ermöglicht ein intensives, individuell angepasstes Training, reduziert gleichzeitig den Zeitaufwand für die Therapievorbereitung und sorgt für eine abwechslungsreiche Therapie für Patientinnen und Patienten sowie Therapeutinnen und Therapeuten.

Eine neue Perspektive auf die Wortfindung

Mit unserem zunehmenden Verständnis von Aphasie sollten sich auch unsere Therapieansätze weiterentwickeln.

Bei der Wortfindung geht es selten nur darum, ein bestimmtes Wort zu finden. Es geht auch darum, das phonologische System zu stärken, das eine korrekte gesprochene Sprache ermöglicht.

Durch die Verbindung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse mit praktischen Hilfsmitteln für die logopädische Therapie können Therapeutinnen und Therapeuten gezielt Möglichkeiten schaffen, die phonologischen Grundlagen der Kommunikation zu stärken und Patientinnen und Patienten dabei zu unterstützen, wieder mehr Sicherheit in alltäglichen Gesprächen zu gewinnen.

Manchmal beginnt der Weg zum richtigen Wort damit, die Laute zu stärken, aus denen es besteht.

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Über die Autorin

Natalie Yona, Logopädin, M.A., ist Vice President of Clinical Strategy bei Cognishine. In dieser Position verantwortet sie die klinische Ausrichtung, die strategische Weiterentwicklung und die weltweite Implementierung digitaler Therapielösungen in den Bereichen Logopädie, Kognition und emotionales Wohlbefinden.

Als Logopädin mit mehr als 16 Jahren Erfahrung in der Rehabilitation von Kindern und Erwachsenen verbindet Natalie umfassende klinische Expertise mit digitaler Innovation, um evidenzbasierte und skalierbare Lösungen zu entwickeln, die Fachkräfte im Gesundheitswesen weltweit unterstützen. Sie arbeitet eng mit interdisziplinären Teams, Gesundheitseinrichtungen und internationalen Partnern zusammen, um konkrete Bedürfnisse aus dem klinischen Alltag in zugängliche technologische Lösungen zu übertragen. Diese sollen die Therapie unterstützen, die Kontinuität der Versorgung verbessern und eine selbstbestimmte Teilhabe sowie eine höhere Lebensqualität fördern.