Vom Körbeflechten zur psychischen Gesundheit: Die Rückkehr der Ergotherapie in die psychische Gesundheitsversorgung
Viele Menschen denken, wenn sie von Ergotherapie hören, zuerst an einen ruhigen, gemütlichen Raum voller Bastelmaterialien und Körbe, die geflochten werden. Dieses Bild wirkt freundlich und beinahe nostalgisch – doch es erzählt nur einen Teil der Geschichte.
Tatsächlich ist die Ergotherapie seit den Anfängen des Berufs eng mit der psychiatrischen bzw. psychischen Gesundheitsversorgung verbunden. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sie sich parallel zur Mental-Health-Bewegung. Von Anfang an nutzten Ergotherapeut bedeutungsvolle Betätigungen, um Menschen auf ihrem Weg der Genesung zu unterstützen sowie Hoffnung und soziale Verbundenheit zu fördern. Schon die ersten Ergotherapeuten erkannten, dass sinnvolle und freudvolle Tätigkeiten Menschen dabei helfen, ihre Emotionen zu regulieren, Alltagsroutinen aufzubauen und wieder eine Verbindung zu sich selbst und anderen aufzubauen.[pubmed.ncbi.nlm.nih]
Diese Erkenntnis hat bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren: Genesung bedeutet nicht nur, Symptome zu stabilisieren. Sie bedeutet auch, sich Schritt für Schritt wieder ein Leben aufzubauen, das lebenswert ist.

Warum hat sich die Ergotherapie aus der psychischen Gesundheitsversorgung zurückgezogen?
Warum also geriet die Ergotherapie in diesem Bereich zunehmend in den Hintergrund? Im Laufe der Jahrzehnte veränderte sich das Gesundheitssystem grundlegend. Die Deinstitutionalisierung, veränderte Finanzierungsmodelle und ein wachsender Fokus auf kurzfristige, medizinisch orientierte Behandlungsansätze führten dazu, dass die psychische Gesundheitsversorgung innerhalb der Ergotherapie an Bedeutung verlor – obwohl der Bedarf nie geringer wurde.
Heute arbeiten nur noch etwa 2–3 % der Ergotherapeut ausschließlich im Bereich der psychischen Gesundheit. Das zeigt, wie stark die Ergotherapie in diesem Versorgungsfeld unterrepräsentiert ist. Nicht, weil sie dort weniger beitragen könnte, sondern weil die strukturellen Rahmenbedingungen es zunehmend erschwerten, in Einrichtungen der psychischen Gesundheitsversorgung sichtbar und langfristig etabliert zu bleiben.
Was die Forschung zeigt
Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Ergotherapie unterstützt Menschen dabei, ihren Alltag und ihr Leben nachhaltig wieder aufzubauen.
Ein Scoping Review zeigt, dass Genesung als fortlaufender betätigungsbezogener Prozess verstanden werden kann. Die Ausübung bedeutungsvoller und persönlich wertvoller Betätigungen fördert Verbundenheit, Hoffnung, Identität, Sinnhaftigkeit und Selbstbestimmung. Eine weitere systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse untersuchte ergotherapeutische E-Mental-Health-Interventionen und fand deutliche Verbesserungen der gesundheitlichen Outcomes. Insgesamt wurden 50 Studien in die Analyse einbezogen.[pubmed.ncbi.nlm.nih]
Ein weiteres Scoping Review zu ergotherapeutischen Interventionen für Erwachsene mit schweren psychischen Erkrankungen wertete 35 Studien aus. Dabei wurden psychosoziale, psychoedukative, kognitive sowie bewegungsorientierte Interventionen als die wichtigsten ergotherapeutischen Ansätze identifiziert. Auch eine Metaanalyse theoriegeleiteter ergotherapeutischer Interventionen zeigte positive Effekte auf die Betätigungsperformanz und das Wohlbefinden von Menschen mit psychischen Erkrankungen.[pubmed.ncbi.nlm.nih]
Genau darin liegt das Herz der Ergotherapie: Menschen dabei zu unterstützen, ihre alltäglichen Routinen, Rollen und Betätigungen wiederzugewinnen, die ihnen ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben ermöglichen.
Warum die Ergotherapie heute wieder stärker in den Fokus rückt
Noch nie war der Bedarf an ergotherapeutischer Unterstützung in der psychischen Gesundheitsversorgung so groß wie heute. Die weltweite Zunahme psychischer Erkrankungen, der Fachkräftemangel und die zunehmende Orientierung an Genesungs-orientierten Versorgungskonzepten schaffen neue Möglichkeiten, die Rolle der Ergotherapie wieder stärker sichtbar zu machen.
Therapeuten, Organisationen und Gesundheitssysteme erkennen zunehmend den Wert einer Unterstützung in Bereichen wie:
- Aufbau und Gestaltung gesunder Alltagsroutinen sowie Selbstversorgung
- Schlaf und allgemeines Wohlbefinden
- Soziale Teilhabe
- Rückkehr in Arbeit oder Ausbildung
- Teilhabe am Gemeinschaftsleben
- Emotionsregulation und Bewältigungsstrategien
Genau in diesen Bereichen liegen die besonderen Stärken der Ergotherapie.
Digitale Technologien stärken die Ergotherapie
Auch digitale Technologien eröffnen der Ergotherapie neue Möglichkeiten. Mit dem zunehmenden Einsatz von Teletherapie, ortsunabhängiger Versorgung und digitalen Gesundheitsanwendungen unterstützen digitale Interventionsplattformen Therapeuten dabei, ihre Behandlungen individueller, ansprechender und effizienter zu gestalten.
Ein Beispiel dafür ist Cognishine, eine digitale Interventionsplattform für Ergotherapeuten, Logopäden, Pädagogen und weitere Gesundheitsfachkräfte. Cognishine versteht sich als Unterstützung für Therapeuten und bietet eine umfangreiche Auswahl sofort einsetzbarer und individuell anpassbarer Materialien für die kognitive, sprachliche, sprechmotorische sowie sozial-emotionale Therapie.
Therapeuten können auf eine "Online-Bibliothek" mit evidenzbasierten Übungen und interdisziplinären Therapiematerialien zugreifen, die sich sowohl in der Praxis als auch im Rahmen der Teletherapie oder für das häusliche Üben einsetzen lassen.
Diese Flexibilität unterstützt die ortsunabhängige Rehabilitation, erleichtert den Zugang zu therapeutischen Angeboten und fördert eine patientenzentrierte Versorgung – Aspekte, die in der modernen psychischen Gesundheitsversorgung zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Genau darin liegt der praktische Nutzen digitaler Innovationen: Sie unterstützen Therapeuten bei ihrer Arbeit, ohne die menschliche Beziehung zu ersetzen, die den Kern jeder erfolgreichen Therapie bildet.
Künstliche Intelligenz in der Therapie: Unterstützung statt Ersatz
Mit der zunehmenden Verbreitung von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Therapie stellen sich viele Fachkräfte dieselbe Frage: Wie kann KI Therapeuten unterstützen, ohne sie zu ersetzen?
Die Antwort ist einfach: Indem sie Routineaufgaben wie die Vorbereitung von Therapiesitzungen, Dokumentation oder die Erstellung von Therapiematerialien übernimmt, sodass Therapeuten mehr Zeit für das Wesentliche haben – die therapeutische Beziehung, kreatives Arbeiten und die individuelle Begleitung ihrer Klienten.
KI kann unter anderem bei der Vorbereitung von Therapiesitzungen, der Interventionsplanung, der Zielsetzung sowie als Unterstützung klinischer Entscheidungen eingesetzt werden. Dadurch gewinnen Therapeuten mehr Freiraum, sich auf die Bedürfnisse ihrer Klienten und den Therapieprozess zu konzentrieren.
Auch der Ansatz von Cognishine folgt diesem Gedanken: Die Plattform soll Therapeuten stärken – nicht ersetzen. Sie erleichtert die Durchführung evidenzbasierter Therapieangebote, unterstützt die Dokumentation von Fortschritten und hilft dabei, Interventionen individuell auf die jeweilige Person abzustimmen.
Was bedeutet das für Sie?
Wenn Sie als Ergotherapeut oder andere Gesundheitsfachkraft tätig sind, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, die Rolle der Ergotherapie in der psychischen Gesundheitsversorgung neu zu entdecken. Ihre fachliche Kompetenz ist heute wichtiger denn je – und digitale Werkzeuge wie Cognishine können Sie dabei unterstützen, Ihre Arbeit noch wirkungsvoller zu gestalten.
Wenn Sie Verantwortung für eine Einrichtung oder Organisation tragen, lohnt es sich, in digitale Therapiematerialien, moderne Ergotherapie-Ressourcen und patientenzentrierte Technologien zu investieren. Sie können dazu beitragen, therapeutische Angebote effizienter bereitzustellen und gleichzeitig die Versorgungsqualität zu verbessern.
Und wenn Sie selbst auf der Suche nach therapeutischer Unterstützung sind, kann diese Entwicklung Mut machen. Genesung bedeutet nicht nur, Beschwerden zu bewältigen. Sie bedeutet auch, den eigenen Alltag Schritt für Schritt wieder aufzubauen, den persönlichen Rhythmus wiederzufinden und sich den Tätigkeiten zuzuwenden, die dem Leben Sinn und Bedeutung geben.
Die Zukunft der Ergotherapie in der psychischen Gesundheitsversorgung
Die Ergotherapie ist aus der psychischen Gesundheitsversorgung nie verschwunden – sie hat lediglich auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, um wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.
Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen. Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen ihren Nutzen, Gesundheitssysteme erkennen ihren wachsenden Stellenwert, und digitale Technologien machen therapeutische Unterstützung leichter zugänglich als je zuvor.
Plattformen wie Cognishine unterstützen Therapeuten dabei mit digitalen Therapieübungen, interdisziplinären Therapiematerialien und leicht zugänglicher Therapiesoftware. Dadurch sind die Voraussetzungen so gut wie lange nicht mehr, dass die Ergotherapie wieder einen festen Platz in der psychischen Gesundheitsversorgung einnimmt.
Über die Autorin:
Meital Karni Buchman, Ergotherapeutin, ist Chief Clinical Officer und Mitgründerin von Cognishine, einer digitalen Plattform zur Förderung kognitiver, sprachlicher und emotionaler Fähigkeiten über alle Lebensphasen hinweg.
Als Ergotherapeutin mit umfassender Expertise in klinischer Innovation und digitaler Gesundheit leitet sie die Entwicklung evidenzbasierter Lösungen, die von Gesundheitsfachkräften, Pädagogen und Pflege- bzw. Betreuungseinrichtungen in Israel und darüber hinaus eingesetzt werden.
Meital Karni Buchman verfolgt das Ziel, klinische Anforderungen in leicht zugängliche, technologiegestützte Lösungen zu übersetzen, die Teilhabe, aktive Mitwirkung und Lebensqualität fördern.
Literatur:
- Exploring the mental health roots of occupational therapy in Canada: a historical review of primary texts from 1925-1950. Can J Occup Ther. 2007 Dec;74(5). PMID: 18183776.[pubmed.ncbi.nlm.nih]
- Recovery as an occupational journey: A scoping review exploring the links between occupational engagement and recovery for people with enduring mental health issues. Aust Occup Ther J. 2015 Dec;62(6):378-392. doi: 10.1111/1440-1630.12238. PMID: 26555561.[pubmed.ncbi.nlm.nih]
- Effectiveness of occupational e-mental health interventions: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Scand J Work Environ Health. 2019 Nov 1;45(6):560-576. doi: 10.5271/sjweh.3839. PMID: 31184758.[pubmed.ncbi.nlm.nih]
- Occupational therapy interventions for adults with severe mental illness: a scoping review. PMID: 34716157.[pubmed.ncbi.nlm.nih]
- Clinical Effectiveness of Occupational Therapy in Mental Health: A Meta-Analysis. Am J Occup Ther. 2017 Sep/Oct;71(5):7105100020p1-7105100020p10. PMID: 28809647.[pubmed.ncbi.nlm.nih]


