Mini-Serie zur Lesekompetenz: Teil 2 - Einfluss der Technologie mit bewährten Methoden zur Leseförderung steuern

Wenn wir einem Kind mit Leseschwierigkeiten helfen wollen, ist es entscheidend, ihm die richtigen Strategien zur richtigen Zeit beizubringen.
In Teil 1 dieser Serie habe ich darüber gesprochen, dass die beste Möglichkeit, den Einfluss der Technologie zu minimieren, darin besteht, sicherzustellen, dass Kinder weiterhin eine Förderung erhalten, die sich auf die zentralen Grundsätze bewährter Methoden stützt.
Diese Grundsätze umfassen:
• Strukturierte Intervention
• Aktive und generative Nutzung von Sprache
• Integration von Fähigkeiten
In diesem Artikel werde ich über strukturierte Intervention und Anleitung sprechen.
Es gibt viele Strategien, die von bekannten Verlagen beworben werden und logisch klingen, aber nicht darauf ausgelegt sind, Kindern tatsächlich bei der Worterkennung zu helfen.
Zwei verbreitete Strategien lauten:
Einen Erwachsenen um Hilfe bitten.
Schau dir das Bild an, um einen Hinweis zu erhalten.
Bevor ich darauf eingehe, warum diese Methoden nicht ideal sind, möchte ich betonen: Es gibt keinen Grund, sich schlecht zu fühlen, falls man diese Strategien bereits verwendet oder empfohlen hat. Diese Fehler sind sehr verbreitet und werden oft von wohlwollenden Fachkräften geäußert, die zumeist keine fundierte Weiterbildung in diesem Bereich erhalten haben. Es gibt jedoch weitaus bessere Methoden, um Kinder zu unterstützen.
Warum funktionieren diese beiden Methoden meist nicht?
Beginnen wir mit „Einen Erwachsenen um Hilfe bitten.“
Natürlich ist es gut, wenn Kinder lernen, um Hilfe zu bitten. Aber diese Strategie vermittelt keine eigentliche Lesefertigkeit. Sie gehört nicht in die Kategorie „Was tun, wenn man ein Wort nicht kennt?“. Wenn ich jemandem das Schwimmen beibringe, sage ich ihm nicht: „Frag einen Rettungsschwimmer um Hilfe.“ Ich lehre ihm stattdessen konkrete Schwimmtechniken. Dasselbe gilt für das Lesen und Schreiben.
Die Strategie „Schau dir das Bild an“ kann bei sehr einfachen Büchern für Anfänger helfen, um bestimmte Wörter zu erkennen. Doch der Großteil der Wörter, die Kinder wirklich lesen lernen müssen, lässt sich nicht einfach durch Bilder darstellen.
Es ist zwar sinnvoll, Kindern beizubringen, ihre Umgebung nach relevanten Informationen abzusuchen, aber diese Strategie lenkt ihre Aufmerksamkeit weg von den Wörtern und Buchstaben auf de, die ihnen eigentlich helfen sollen
Wenn wir Kindern „Strategien zur Worterkennung“ beibringen, sollten wir sie anleiten verfügbare Informationen nutzen – nicht zufällige Hinweise, die nur in wenigen Fällen funktionieren.
Wie bringen wir Kindern effektive Lesestrategien bei?
Kurz: Sie müssen die Struktur und Regeln der Rechtschreibung lernen.
Beim strukturierten Leseunterricht geht es darum, den Kindern die notwendigen Fähigkeiten beizubringen, um Wörter lesen und schreiben zu können.
In den nächsten Abschnitten werde ich drei zentrale Bereiche vorstellen, die dafür besonders wichtig sind: Phonologie, Morphologie und Orthographie.
>>> Mein Leitfaden, um diese Bereiche zu fördern.
Phonologie
Phonologie ist die Lehre davon, wie Sprachen ihre Laute organisieren. Phoneme sind die kleinsten Lautbausteine der Sprache, die wir wahrnehmen. Um Lesen zu lernen, brauchen Kinder eine Fähigkeit, die als phonologische Bewusstheit bekannt ist.
Typische phonologische Bewusstseinsfähigkeiten sind:
• Reime erkennen
• Laute zu Wörtern zusammensetzen (z. B. „h…u…t“ → „Hut“)
• Laute in einem Wort identifizieren und segmentieren
Studien zeigen, dass phonologische Bewusstheit eine zentrale Rolle bei der späteren Leseentwicklung spielt. Kinder, die darin geschult werden, entwickeln oft bessere Lese- und Rechtschreibfähigkeiten (Carson, Gillon & Boustead, 2013).
Beim Schreiben eines Wortes müssen wir über die Laute nachdenken und diese mit den passenden Buchstaben verbinden. Genau diese Fähigkeit hilft uns, Wörter erinnern und neue Wörter entziffern zu können.
Unsere Gehirne sind zwar auf gesprochene Sprache programmiert, aber nicht auf Lesen und Schreiben. Deshalb benötigen die meisten Menschen eine gezielte Anleitung, um Lesen zu lernen – im Gegensatz zum Sprechen, das wir meist durch bloßes Zuhören erwerben (van Kleeck, Gillam & McFadden, 1998).
Warum „Laut für Laut“ nicht immer hilft
Die Strategie „Lies dir das Wort Laut für Laut vor“ ist definitiv besser als die oben genannten Methoden, denn sie bringt Kinder dazu, sich mit den richtigen Fähigkeiten zu beschäftigen.
Aber viele Erwachsene überspringen dabei die phonologische Bewusstheit und konzentrieren sich nur auf Buchstaben.
Kinder werden dann oft dazu gebracht, Buchstabenfolgen auswendig zu lernen, ohne wirklich zu verstehen, warum die Buchstaben so angeordnet sind. Dadurch können sie die Wörter zwar kurzfristig wiedergeben, haben aber keine Strategie, um sie später selbstständig zu buchstabieren.
Besser ist es, die Kinder erst einmal über die Laute im Wort nachdenken zu lassen.
Beispiel:
Wenn ein Kind das Wort „Hut“ schreiben soll, könnte man sagen: „Lass uns die Laute im Wort herausfinden.“ Das Kind kommt auf: „h…u…t“. Danach erst überlegen wir, welche Buchstaben zu diesen Lauten passen.
Morphologie
Morphologie ist die Lehre von der Struktur und den Formen von Wörtern, die als Morpheme bezeichnet werden. Es gibt zwei Arten von Morphemen: Grammatische Morphem und Lexikalische Morpheme
Grammatische Morpheme
Grammatische Morpheme sind Wortbestandteile, die die grammatische Struktur eines Wortes verändern. Dazu gehören beispielsweise:
• Endungen an Verben, die die Zeitform verändern („-st“, „ge-lacht-t")
• Endungen zur Kennzeichnung von Plural („Kind-er“, „Decke-n“)
(Bowers, Kirby, & Deacon, 2010).
Lexikalische Morpheme
Lexikalische Morpheme verändern die Bedeutung eines Wortes und können auch seine Wortart verändern. Dazu gehören beispielsweise Präfixe und Suffixe.
• Präfixe wie „be-“ können die Bedeutung eines Wortes verändern (z. B. „bedauern“ = Mitgefühl empfinden).
• Suffixe wie „-lich“ oder „-nis“ können die Wortart eines Wortes ändern. Beispielsweise: „Glück“ (Nomen) → „glücklich“ (Adjektiv)
(Henbest & Apel, 2021)
Ich habe zahlreiche Beispiele und detaillierte Erklärungen zu wichtigen morphologischen Fähigkeiten in meinem Leitfaden zusammengestellt.
Morphologie in der Leseförderung
Schulen sind mittlerweile besser darin geworden, phonologische Bewusstheit in den Lehrplan zu verankern. Allerdings wird Morphologie noch nicht in dem Umfang vermittelt, in dem es erforderlich wäre.
Ein verbreiteter Irrglaube ist, dass Morphologie eine fortgeschrittene Fähigkeit ist, die erst später erlernt werden sollte, oder dass Lese- und Rechtschreibfertigkeiten in festgelegten Phasen unterrichtet werden müssen (z. B. erst Phonologie, dann Morphologie).
Die aktuelle Forschung zeigt jedoch, dass das nicht unbedingt stimmt. Schon ab der ersten Klasse sind Kinder in der Lage, Morpheme in Wörtern zu erkennen (z. B. Präfixe und Suffixe) und diese Informationen zu nutzen, um die Bedeutung eines Wortes zu erschließen.
Zusätzlich zeigt sich, dass Kinder mit einer starken Kenntnis von Morphemen in den frühen Schuljahren in späteren Klassenstufen oft bessere Leser sind (Apel & Henbest, 2015; Apel & Lawrence, 2011).
Andererseits ist Morphologie eine Fähigkeit, die leseschwache Schüler oft bis in die weiterführende Schule und sogar ins Erwachsenenalter hinein nicht ausreichend beherrschen (Tighe & Binder, 2015).
Bis zum Ende der Grundschule wird von Kindern erwartet, dass sie Texte mit multimorphemischen Wörtern lesen – also Wörter, die aus mehreren Morphemen bestehen (Nippold, 2016).
Während phonologische Bewusstheit und die Strategie „Laut für Laut lesen“ für kürzere Wörter mit nur einem Morphem hilfreich sein können (z. B. „sie“, „Ei“, „ist“), funktioniert dieselbe Methode nicht so gut für längere Wörter mit mehreren Morphemen.
Nehmen wir als Beispiel das Wort „Bedeutung“. Es besteht aus drei klar unterscheidbaren Morphemen: "Be" "deut" "ung". Anstatt zu versuchen, das Wort Laut für Laut zu entschlüsseln, ist es für Kinder hilfreicher, die Morpheme zu identifizieren und sie dann zu kombinieren. Wenn Kinder mit der Zeit verstehen, dass bestimmte Buchstabensequenzen (z. B. „Be-“) eine konsistente Bedeutung haben, wird es für sie viel leichter, neue Wörter zu lesen, zu schreiben und zu verstehen.
Orthographie
Orthographie ist die Lehre vom Schriftsystem einer Sprache. Viele Menschen verwechseln Orthographie mit Handschrift, aber das ist nicht dasselbe. Natürlich ist die Formung der Buchstaben wichtig, aber wir müssen auch die Bedeutung hinter den geschriebenen Symbolen verstehen und typische Rechtschreibmuster erkennen (Bahr, Silliman & Berninger, 2020).
Mein Leitfaden enthält einige Beispiele für Muster, die Kindern helfen können, sicher zu buchstabieren und flüssig zu lesen.
Lesen und Schreiben müssen automatisiert ablaufen, damit Kinder gute Leser und Schreiber werden. Ohne diese Automatisierung würden Kinder so viel Energie darauf verwenden, einzelne Wörter zu entschlüsseln, dass sie keine Kapazität mehr für das Textverständnis hätten. Beim Schreiben könnten sie sich nicht auf den Inhalt und die Bedeutung konzentrieren, wenn sie zu viel Zeit damit verbringen, jedes einzelne Wort mühsam zu entziffern.
Deshalb ist es so wichtig, dass Orthographie, Phonologie und Morphologie gemeinsam vermittelt werden. Wenn wir Morphologie vermitteln, betrachten wir die Bausteine der Wörter (z. B. Affixe, Wortstämme, grammatische Endungen) und sprechen darüber, wie sie geschrieben werden – das ist Orthographie. Wenn wir phonologische Bewusstheit fördern, achten wir auch auf die Buchstaben, die zu bestimmten Lauten gehören – das ist ebenfalls Orthographie. Wenn wir Homophone wie „Meer“ und „mehr“ oder „Seite“ und „Saite“ untersuchen oder komplexe Schreibmuster wie analysieren, lernen wir ebenfalls orthographische Prinzipien.
Einer der größten Fehler in vielen Rechtschreiblehrplänen ist, dass komplexe Schreibmuster als „Ausnahmen“ bezeichnet werden, weil sie keine 1:1-Entsprechung zwischen Lauten und Buchstaben haben. Doch das ist nicht der Fall. Es gibt immer ein Muster oder eine Regel, die erklärt, warum ein Wort so geschrieben wird, wie es ist. Wenn wir Kindern sagen, sie sollen einfach bestimmte Wörter auswendig lernen, ohne ihnen die dahinterliegenden Muster und Regeln zu erklären, nehmen wir ihnen eine wertvolle Möglichkeit zum selbstständigen Lernen. Falls ein Kind Schwierigkeiten beim Schreiben hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich die Rechtschreibung eines Wortes durch reines Auswendiglernen merkt und später korrekt anwenden kann, sehr gering (Bahr et al., 2020).
Kinder müssen nicht jedes einzelne Rechtschreibmuster explizit lernen, um kompetente Leser und Schreiber zu werden. Aber wenn wir ihnen beibringen, auf Muster und Strukturen zu achten, haben sie eine viel höhere Chance, diese selbstständig zu erkennen (Fallon & Katz, 2020).
Oft wird fälschlicherweise angenommen, dass es einfacher sei, schwierige Schreibweisen als „Ausnahme“ zu erklären, weil man glaubt, Kinder würden die Regel nicht verstehen. Manchmal wird es aber auch so erklärt, weil Erwachsene die Regel selbst nicht kennen. Dabei reicht oft schon eine einfache Google-Suche, um eine Rechtschreibregel nachzuschlagen und einem Kind verständlich zu erklären.
Die beste Unterstützung, die wir Kindern geben können, ist, ihnen präzise und fundierte Informationen über die Sprache zu vermitteln. Oft sind sie in der Lage, diese Regeln besser zu verstehen, als wir vielleicht erwarten.
In Teil 3 dieser Serie werde ich über zwei weitere Grundprinzipien eines effektiven Leseunterrichts sprechen: Aktive und generative Nutzung sowie Integration von Fähigkeiten
Dr. Karen Dudek-Brannan ist die Gründerin und Inhaberin von Dr. Karen, LLC, einem Unternehmen, das Therapeut:innen und Pädagog:innen dabei unterstützt, Interventionen zur Förderung von Sprache, Lesekompetenz und exekutiven Funktionen zu entwickeln. Sie hat einen Doktortitel in Sonderpädagogik sowie Qualifikationen als Direktorin für Sonderpädagogik und Assistive Technologie an der Illinois State University. Darüber hinaus hat sie dort ihren Master- und Bachelorabschluss in Sprachtherapie erworben. Sie hat 14 Jahre im Schulsystem gearbeitet und war in verschiedenen Führungspositionen sowie in der Hochschullehre tätig, wo sie Fachkräfte betreute und ausbildete. Zudem leitet sie den De Facto Leaders Podcast, in dem sie evidenzbasierte Ansätze, persönliche Erfahrungen und Experteninterviews zu Themen der Bildungs- und Gesundheitsreform teilt. Aktuell hat sie eine Managementposition beim Illinois Department of Children and Family Services inne.
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Literaturverweise
Bahr, R.H., Silliman, E.R., & Berninger, V.W. (2020). Derivational morphology bridges phonology and orthography: Insights into the development of word-specific spellings by superior, average, and poor spellers. Language, Speech, and Hearing Services in Schools, 51, 640-654. https://doi.org/10.1044/2020_LSHSS-19-00090
National Center for Education Statistics (2020). The condition of education 2020.