Die Rolle der Ergotherapie in der Demenzversorgung: Was steckt dahinter?

Ashley Denny, Ergotherapeutin
Bildung

Lassen Sie uns über die tatsächliche Bedeutung der Ergotherapie (ET) in der Demenzversorgung sprechen – und darüber, wie wir einen entscheidenden Unterschied im Leben von Menschen mit Demenz machen. Ich kann kaum noch zählen, wie oft ich gefragt wurde, warum Ergotherapie bei Menschen mit Demenz überhaupt notwendig ist. Wenn viele an Therapie denken, stellen sie sich Übungen, Gleichgewichtstraining oder Schmerzreduktion vor. Doch unsere Rolle geht weit über das Trainieren von Armen und Beinen hinaus (ein verbreitetes Missverständnis!).

Zunächst zur Definition: Laut dem National Institute on Aging ist Demenz ein Sammelbegriff für neurologische Erkrankungen, die das Gehirn betreffen und zu einem Abbau kognitiver Funktionen führen (2022). Dieser kognitive Abbau hat zur Folge, dass alltägliche Handlungen zunehmend schwerer ausführbar sind. Was zunächst wie Routinen erscheint, ist oft deutlich komplexer – insbesondere beim Übergang vom eigenen Zuhause in eine betreute Wohnform. Gewohnte Abläufe verändern sich, Handlungssequenzen werden schwieriger und sind stark von der Umgebung abhängig. Hier spielt die Ergotherapie eine zentrale Rolle, indem sie Sicherheit, Selbstständigkeit und bedeutungsvolle, klientenzentrierte Betätigung fördert.

Umweltanpassungen

Wenn ich zu einer Person mit kognitiven Einschränkungen hinzugezogen werde, beginne ich mit einer umfassenden Analyse der Umgebung. Häufig treffe ich Patient:innen kurz nach dem Umzug in eine betreute Wohnform – eine besonders wichtige Phase, um Anpassungen vorzunehmen und Angehörige sowie Pflegepersonal über die Auswirkungen der neuen Umgebung auf die Alltagsfunktionen zu informieren.

Mein Ziel ist es zunächst, visuelle Reizüberflutung zu reduzieren und Struktur zu schaffen. Dazu gehört beispielsweise:

  • das Reduzieren von Unordnung
  • das Organisieren von Kleidung, Umzugskartons und persönlichen Gegenständen

Erst nach dieser Grundstrukturierung können individuelle Bedürfnisse gezielt adressiert werden.

Zur Unterstützung im Alltag setze ich u. a. folgende Maßnahmen ein:

  • Beschriftung von Schubladen zur besseren Orientierung beim Ankleiden
  • Vorbereitung von Kleidung für den nächsten Tag
  • Visuelle Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Unterstützung von Handlungsabläufen

Gerade bei Veränderungen wie der Nutzung von Inkontinenzmaterial oder Notrufsystemen können solche Maßnahmen erheblich zur Selbstständigkeit beitragen.

Auch im Badezimmer sind Anpassungen zentral:

  • Reduktion von Gegenständen auf das Wesentliche
  • Einsatz von Kontrasten (z. B. farblich abgesetzte Zahnbürstenhalter)
  • Beschriftung von Pflegeartikeln
  • Visuelle Hinweise zur Unterstützung der Abläufe (z. B. Toilettengang)

Ein Beispiel aus der Praxis:
Eine Patientin hatte Schwierigkeiten beim Umsetzen auf die Toilette. Die Ursache lag nicht in körperlichen Einschränkungen, sondern in der Orientierung im Raum. Durch geringe Kontraste zwischen Wänden, Boden und Haltegriffen fiel es ihr schwer, die richtige Position einzunehmen. Durch:

  • visuelle Anleitungen
  • farbliche Markierungen
  • Bodenhinweise zur Fußpositionierung

konnte ihre Selbstständigkeit deutlich verbessert werden – trotz unveränderter baulicher Gegebenheiten.

Insgesamt zeigen solche Anpassungen, wie stark die Umgebung die Selbstständigkeit und Sicherheit beeinflusst.

Ergotherapeut:innen:

  • reduzieren Reizüberflutung
  • verbessern Lichtverhältnisse und Kontraste
  • nutzen Beschriftungen und Orientierungshilfen
  • strukturieren Räume funktional

Soziale und aktive Teilhabe

Soziale Teilhabe spielt eine wesentliche Rolle für kognitive Prozesse. Ergotherapeut:innen unterstützen Menschen mit Demenz dabei, in bedeutungsvollen Aktivitäten aktiv zu bleiben, angepasst an individuelle Fähigkeiten und Interessen.

Dazu gehört:

  • Förderung sozialer Interaktion
  • Unterstützung von Beziehungen zu Angehörigen und Mitbewohner:innen
  • Erhalt gewohnter Rollen und Routinen

Dies stärkt Identität, Wohlbefinden und Lebensqualität (Smallfield & Molitor, 2018).

Betreuer und Bildung

Ein ebenso zentraler Bestandteil ist die Unterstützung von Angehörigen und Pflegepersonal.

Ergotherapeut:innen vermitteln:

  • effektive Kommunikationsstrategien
  • Umgang mit herausforderndem Verhalten
  • strukturierte Aktivitätsgestaltung

Kognitive Einschränkungen können zu Verwirrung, Frustration oder auch aggressivem Verhalten führen. Durch gezielte Anleitung können solche Situationen besser verstanden und begleitet werden.

In der Praxis zeigt sich häufig, dass Angehörige:

  • den Krankheitsverlauf nicht vollständig verstehen
  • sich unsicher im Umgang fühlen

Hier leisten wir durch:

  • schriftliche Materialien
  • mündliche Beratung
  • praktische Anleitung

einen wichtigen Beitrag zur Entlastung und zur Verbesserung der Versorgung.

Durch Umweltanpassung, Strukturierung und Förderung von Aktivität tragen Ergotherapeut:innen maßgeblich dazu bei, Würde und Lebensqualität über den gesamten Krankheitsverlauf hinweg zu erhalten.

Zusammenfassung

Ergotherapeut:innen spielen eine zentrale Rolle in der Demenzversorgung. Als ganzheitlich arbeitende Fachkräfte betrachten wir:

  • Fähigkeiten und Einschränkungen
  • Umweltfaktoren
  • Alltagsanforderungen

Ziel ist es, Funktionen möglichst lange zu erhalten. Dazu gehören:

  • Zerlegung von Aktivitäten in überschaubare Schritte
  • Etablierung klarer Routinen
  • Einsatz visueller Hinweise
  • Anpassung von Aktivitäten an das kognitive Niveau

Darüber hinaus identifizieren wir Risiken wie:

  • Sturzgefahr
  • Weglauftendenzen
  • Schwierigkeiten bei Selbstversorgung

und entwickeln entsprechende Strategien.

Bedeutsame Aktivitäten sowie soziale Teilhabe sind essenziell für kognitive Prozesse und Lebensqualität.

Ein weiterer Schlüsselbereich ist die Angehörigenarbeit, um eine bestmögliche Unterstützung im Alltag zu gewährleisten.

Über die Autorin

Ashley Denny, OTD, OTR/L, CDP, ist geriatrische Ergotherapeutin bei FOX Rehabilitation. Sie promovierte 2023 im Bereich Ergotherapie an der Chatham University und ist zertifizierte Demenzfachkraft (CDP). Sie arbeitet mit älteren Menschen in betreuten Wohnformen und im häuslichen Umfeld.

Zusätzlich verfügt sie über Spezialisierungen im Bereich Low Vision (POTA, AOTA) und ist als Content-Entwicklerin für digitale Plattformen tätig. Ihre Schwerpunkte umfassen u. a.:

  • Demenz und Umweltanpassung
  • Sehbeeinträchtigungen
  • Arthritis
  • Schlaganfallrehabilitation
  • Wohnraumsicherheit im Alter

Literatur

Martínez-Campos, A., Compañ-Gabucio, L.M., Torres-Collado, L., & Garcia-de la Hera, M. (2022). Ergotherapeutische Interventionen für Demenzbetreuer: Überprüfung des Umfangs. Gesundheitswesen, 10 (9), 1764. https://doi.org/10.3390/healthcare10091764

Nationales Institut für Altern. (2022, 8. Dezember). Was ist Demenz? Symptome, Typen und Diagnose. US-Gesundheitsministerium. https://www.nia.nih.gov/health/alzheimers-and-dementia/what-dementia-symptoms-types-and-diagnosis

Pimouguet, C., Le Goff, M., Wittwer, J., Dartigues, J.-F., & Helmer, C. (2016). Vorteile der Ergotherapie bei Demenzpatienten: Ergebnisse einer realen Beobachtungsstudie. Zeitschrift für Alzheimer-Krankheit, 56 (2), 509—517. https://doi.org/10.3233/JAD-160820

Smallfield, S., & Molitor, W.L. (2018). Ergotherapeutische Interventionen zur Unterstützung der sozialen Teilhabe und des Freizeitverhaltens älterer Erwachsener, die in der Gemeinschaft leben: Eine systematische Übersicht. Amerikanisches Journal für Ergotherapie, 72 (4), 1—8. https://doi.org/10.5014/ajot.2018.030627