Die richtige Balance finden - Bildschirmzeit vs. Offline-Zeit

Elaine Wiener - Ergotherapeutin
Bildung

Selbst wenn sich Familien an die Empfehlungen zur richtigen Nutzung von Bildschirmzeit halten, taucht immer wieder dieselbe Frage auf:

“Okay…und was machen wir stattdessen?”

Genau hier helfen einfache, therapeutisch unterstützte Strategien ohne Bildschirm, die die Lücke zwischen Empfehlungen und dem Familienalltag schließen. (Canadian Paediatric Society, 2022)

Die wirksamsten Ansätze sind praktisch und flexibel.

Sie:

  • reduzieren die Belastung und Erschöpfung von Eltern
  • funktionieren für unterschiedliche Altersgruppen und Energielevel
  • beinhalten abgestufte Bewegungsangebote (z.B. vestibuläre Reize, Koordination)
  • betrachten Spielen als zentrale Betätigung – nicht als zusätzlichen Programmpunkt

Am wichtigsten ist jedoch die Botschaft an Familien:

Bildschirme dürfen ihren Platz haben. Aber Aktivitäten und Zeiten ohne Bildschirm sollten die Regel sein – und Bildschirme sollten bewusst eingesetzt werden.



Fünf praktische Strategien für Familien:

1. Das "Bildschirm-Sandwich" ausprobieren

Rahmen Sie Bildschirmzeit mit Bewegung ein, um die Selbstregulation zu unterstützen.

Vorher:
5–10 Minuten strukturierende sensorische Aktivitäten (z. B. Tierbewegungen, Froschsprünge oder ein kurzer Tanz).

Währenddessen:
Kurze, zielgerichtete Bildschirmzeit mit einem Timer.

Danach:
Ein vorhersehbarer Übergang zu einem Snack, Bastelangebot, Bewegungsparcours, Spielen im Freien oder Hausaufgaben.

Diese Struktur verhindert, dass Bildschirme den Alltag dominieren, und unterstützt eine stabile Regulation. (AAP, 2016)

2. Schlaf hat Priorität

Die Nutzung von Bildschirmen am Abend steht in engem Zusammenhang mit einer verzögerten Melatonin-Ausschüttung und einer schlechteren Schlafqualität. (Hale & Guan, 2015)

Bieten Sie ihrem Kind vor dem Schlafengehen beruhigende Alternativen an wie:

  • Lesen
  • Dehnübungen
  • Malen oder Zeichnen
  • ruhige Gespräche
  • angeleitete Atemübungen

Der Schutz des Schlafs ist häufig die wirkungsvollste erste Veränderung.

3. Gemeinsam schauen, wenn möglich

Bereits fünf Minuten aktives gemeinsames Anschauen können die Wirkung deutlich verbessern.

Setzen Sie sich dazu, kommentieren Sie das Geschehen, stellen Sie Fragen und stellen Sie Bezüge zum Alltag her:

„Die Figur ist ganz hoch gesprungen – kannst du auch so springen?“

Gemeinsames Anschauen macht aus passivem Konsum aktives Lernen. (Canadian Paediatric Society, 2017)

4. Übergänge vorhersehbar gestalten

Die meisten Konflikte rund um Bildschirme sind eigentlich Schwierigkeiten beim Übergang.

Reduzieren Sie Frustration durch:

  • visuelle Timer
  • „Erst-dann“-Pläne
  • feste Abschlussrituale („Pause. Atmen. Was kommt als Nächstes?“)

Vorhersehbarkeit schafft Vertrauen und erleichtert den Wechsel zwischen Aktivitäten.

5. Auf Ausgewogenheit statt Perfektion setzen

Kinder im Schulalter profitieren in der Regel von:

  • etwa 2 Stunden Freizeit-Bildschirmzeit pro Tag
  • mindestens 60 Minuten körperlicher Aktivität täglich
  • 9–12 Stunden Schlaf pro Nacht

Der Fokus sollte auf den Mustern über die Woche hinweg liegen – nicht auf einzelnen Tagen, die einmal anders verlaufen. (Saunders et al., 2016)

Grundprinzipien für den Umgang mit Bildschirmzeit

Bei der Beratung von Familien sollten folgende Punkte im Vordergrund stehen:

  • Ein klarer Zweck für jede Bildschirmaktivität
  • Kurze, auf das Kind abgestimmte Nutzungsdauer
  • Aktive Begleitung durch Erwachsene, wann immer möglich
  • Geplante Übergänge
  • Schutz nicht verhandelbarer Bereiche: Bewegung, Zeit im Freien, Spielen, Schlaf und persönliche soziale Kontakte

(Saunders et al., 2016)

Diese Grundsätze werden zunehmend durch moderne Therapie-Software und digitale Hilfsmittel für Therapeutinnen und Therapeuten unterstützt, die sowohl Präsenz- als auch Teletherapie strukturieren können.

Das ergotherapeutische „Rezept“ für angeleitete Bildschirmzeit

Aus ergotherapeutischer Sicht umfasst eine sinnvolle Bildschirmnutzung:

  • ein klares Betätigungsziel
  • eine kurze, klar definierte Nutzungsdauer (oft 5–20 Minuten)
  • gemeinsame Nutzung mit sprachlicher Begleitung und Reflexion
  • vorhersehbare Übergänge
  • integrierte Bewegungs- oder Haltungspausen

(Canadian Paediatric Society, 2017)

Plattformen wie die Cognishine-Plattform – eine digitale Interventionsplattform und Online-Bibliothek für therapeutische Materialien – können Therapeutinnen und Therapeuten mit evidenzbasierten Übungen und strukturierten Therapieideen unterstützen, die diesen Prinzipien entsprechen.

Warum Spielen und Bewegung ohne Bildschirm weiterhin an erster Stelle stehen

Aktive Bewegung und freies Spiel ohne Bildschirm sind grundlegende Bausteine der Entwicklung.

Körperliches Spielen fördert:

  • Kraft
  • Koordination
  • Gleichgewicht
  • Körperwahrnehmung

Fantasie- und Sozialspiel fördern:

  • Problemlösefähigkeiten
  • kognitive Flexibilität
  • Kommunikation
  • Emotionsregulation

Geschützte Zeiten ohne Bildschirm unterstützen die sensorische Regulation, Kreativität, Selbstständigkeit und eine stärkere familiäre Verbundenheit.

Digitale Unterstützungsangebote – einschließlich kognitiver Rehabilitationstools und interdisziplinärer Therapiematerialien – können diese wichtigen Erfahrungen ergänzen, aber nicht ersetzen.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Saras Neustart nach der Schule

Die neunjährige Sara kam nach der Schule häufig überfordert nach Hause. Endloses Scrollen führte oft zu Frustration und emotionalen Ausbrüchen.

Stattdessen führte ihre Familie ein „Bildschirm-Sandwich“ ein:

Aktivierende Bewegungseinheit:

  • 10-mal Hampelmann
  • mehrere Froschsprünge

5-minütiges angeleitetes Atemvideo:

  • gemeinsam angeschaut
  • begleitet durch ruhige Kommentare der Eltern

Vorhersehbarer Ablauf danach:

Snack → Hausaufgaben → geplante Tanzpause

Der Bildschirm wurde so zu einer kurzen, gezielten Unterstützung zur Regulation – nicht zu einer Fluchtmöglichkeit. Die Bewegung bildete den Anker der gesamten Routine. (Canadian Paediatric Society, 2022)

Fazit

Zu viel Bildschirmzeit verdrängt Spielen, Bewegung und zwischenmenschliche Begegnungen.

Ein bewusster Einsatz von Bildschirmen – kombiniert mit geschützten Zeiten ohne Bildschirm – stellt die ausgewogene Lösung in der Zeit nach der Pandemie dar.

Der Fokus sollte sich verschieben von:

„Bildschirmzeit begrenzen“

hin zu:

„Was passiert vor, während und nach der Bildschirmzeit?“

Alles in Maßen – und mit einem klaren Plan.


Über die Autorin

Elaine Wiener, ist pädiatrische Ergotherapeutin mit über 25 Jahren Berufserfahrung in schulischen Einrichtungen sowie in der Frühförderung. Sie hat zahlreiche Fortbildungen im Bereich der sensorischen Integration absolviert und diese Konzepte gezielt in ihre schulische Arbeit integriert, indem sie Bildschirm- und Nicht-Bildschirm-Aktivitäten bewusst miteinander kombiniert hat. Darüber hinaus unterstützte sie Lehrkräfte dabei, entsprechende Strategien in den Unterricht zu integrieren.

Derzeit ist sie als U.S. Website Managerin und Clinical Business Development Managerin bei Cognishine tätig und entwickelt praxisnahe, leicht zugängliche Materialien für Familien, Therapeutinnen und Therapeuten sowie pädagogische Fachkräfte.

Literatur

• Canadian Paediatric Society. (2017). Screen time and young children.  

• Canadian Paediatric Society. (2022). Screen time and preschool children.

• Saunders et al. (2016). Canadian 24-Hour Movement Guidelines.  

• Hale & Guan (2015). Screen time and sleep among school-aged children.  

• AAP. (2016). Media and young minds.