Semantische Merkmalsanalyse bei Wortfindungsstörungen: Ein Leitfaden für Logopäd:innen
Kurzüberblick
Was ist die Semantische Merkmalsanalyse?
Das Besprechen zentraler Merkmale (Kategorie, Verwendung, Handlung, Eigenschaften, Ort, Assoziationen), um die Wortfindung zu unterstützen.
Für wen ist sie geeignet?
Am besten bei leichter bis moderater expressiver Aphasie mit gut erhaltenem Sprachverständnis. Mit zusätzlicher Unterstützung auch bei schwererer Aphasie anpassbar.
Warum sollte man die Semantische Merkmalsanalyse einsetzen?
Es wurde nachgewiesen, dass die Benennleistung von Wörtern in geübten Wortfeldern verbessert werden kann und darüber hinaus das Umschreiben in realen Kommunikationssituationen gestärkt wird.
Die Semantische Merkmalsanalyse (engl.: Semantic Feature Analysis (SFA)) ist eine weit verbreitete, evidenzbasierte Therapieform für expressive Aphasien. Sie unterstützt die Wortfindung, indem sie das semantische Wissen einer Person sowie die Verbindungen zwischen verwandten Konzepten aktiviert.
Die Therapeutin bzw. der Therapeut hilft der betroffenen Person, verschiedene Merkmale eines Zielwortes zu erschließen, z. B.:
- Wofür wird es verwendet?
- Wie sieht es aus?
- Zu welcher Kategorie gehört es?
- Wo findet man es?
Die Semantische Merkmalsanalyse kann bei Klient:innen eingesetzt werden, die Beeinträchtigungen im semantischen System zeigen. Hinweise darauf sind z. B.:
- Semantische Fehler („Apfel“ statt „Birne“)
- Positive Reaktion auf semantische Hinweisreize
Darüber hinaus wird sie auch in anderen Bereichen eingesetzt, zum Beispiel:
- Im Schulkontext zur Förderung von Wortschatz und Leseverständnis
- Bei primär progressiver Aphasie zur Stabilisierung der Wortfindung
Warum sollte ich die Semantische Merkmalsanalyse nutzen?
Die Semantische Merkmalsanalyse ist ein einfacher, praktischer und evidenzbasierter Ansatz (siehe "Evidenz"). Obwohl sie primär auf die Behebung von Sprachdefiziten abzielt, kann sie auch dazu beitragen, dass Betroffene besser darin werden, Wörter zu umschreiben („drum herum reden“) – eine wichtige Strategie zur Selbsthilfe.
Für wen ist die Semantische Merkmalsanalyse am besten geeignet?
Für Klient:innen mit leichter bis mittelschwerer expressiver Aphasie, die:
- Ein ausreichendes Sprachverständnis besitzen
- Auf semantische Hilfen reagieren
- Mit Unterstützung zumindest einige Informationen zum Zielwort vermitteln können (sprechen, schreiben, zeichnen, gestikulieren)
Evidenz
In einer Einzelfallstudie zeigten Boyle & Coelho (1995), dass das Training von Nomen mit SFA zu verlässlichen Verbesserungen führte, die Generalisierung auf nicht trainierte Wörter jedoch uneinheitlich war.
Eine Übersichtsarbeit von Boyle (2010) berichtete über verbesserte Benennleistungen bei verschiedenen Aphasieformen (z. B. amnestische, Leitungs-, Broca-, Wernicke-, transkortikal-motorische sowie traumatisch bedingte Aphasie). Die meisten Teilnehmenden wiesen eine leichte bis mittelschwere Aphasie auf, wobei Ausmaß und Stabilität der Generalisierung variierten.
Die Metaanalyse von Maddy et al. (2014) zeigte mittlere bis große Therapieeffekte für die konfrontative Benennung trainierter Wörter bei Aphasie. Allerdings war die Generalisierung auf untrainierte Wörter und auf zusammenhängende Sprache erneut begrenzt oder inkonsistent. Eine systematische Übersichtsarbeit von Efstratiadou et al. (2018) kam zu ähnlichen Ergebnissen: positive Effekte für trainierte Wörter, bei gleichzeitig methodischer Heterogenität zwischen den Studien.
Wambaugh et al. (2014) fanden, dass SFA auch den Abruf von Verben unterstützen kann und dass die Kombination von SFA mit satzbasierter Therapie (z. B. Verb Network Strengthening Treatment) möglicherweise besser geeignet ist, Ziele im Bereich der zusammenhängenden Sprache zu erreichen.
Kiran & Thompson verwendeten ein SFA-ähnliches Protokoll und stellten fest, dass das Training atypischer (komplexerer) Items unter Umständen eine Generalisierung innerhalb derselben Kategorie auf typischere Items fördern kann. Beispielsweise führte das Training seltenerer Wörter (z. B. „Pinguin“) zu einer Generalisierung auf häufigere Wörter (z. B. „Rotkehlchen“). Umgekehrt zeigte das Training häufiger Wörter diesen Effekt für seltenere Wörter nicht.
Freed & Torstensen (2013) zeigten, dass sowohl SFA als auch PACE die Benennung trainierter Wörter bei chronischer Broca-Aphasie verbesserten, mit teilweise vorhandener Generalisierung.
Was man für eine SFA-Sitzung benötigt
• Bildkarten oder Realgegenstände. Es beginnt mit vertrauten Alltagsgegenständen. Die Konzentration liegt in erster Linie auf den Items, die der Betroffene nur schwer benennen kann.
• Einen Stift sowie gedruckte SFA-Karten.
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Beispiel für einen SFA-Sitzungsplan
1. Aufwärmen und Einrichten
• SFA einführen:
„Wir werden schwierigere Wörter beschreiben – z. B. ihre Kategorie, Verwendung oder Eigenschaften. Das hilft oft, das Wort zu finden.“
• Wählen Sie einen Bildersatz aus. Konzentrieren Sie sich auf funktionale Ziele, da die Generalisierung auf untrainierte Elemente wahrscheinlich begrenzt ist.
2. Der Therapeut modelliert ein vollständiges Beispiel:
Zeigt ein Bild mit dem Zielwort. Der Therapeut beantwortet nacheinander jede Frage und notiert dies in die SFA-Tabelle.
• Beispiel: „Kaffee“
- Kategorie: Getränk
- Verwendung: gibt Energie
- Handlung: wird eingeschenkt und getrunken
- Eigenschaften: heiß, schwarz oder braun
- Ort: Küche oder Café
- Assoziationen: Tassen, Bohnen, Treffen mit Freunden
3. Führe eine SFA mit 5-10 Items durch, die der Klient nur schwer benennen kann.
Bitten Sie den Klienten, die Zielbilder zu benennen. Für diejenigen, die sie nur schwer benennen können, führen Sie die Semantische Merkmalsanalyse durch.
Ermitteln Sie semantische Merkmale Box für Box. Notieren Sie sich dabei die Merkmale auf dem Blatt. Geben Sie dem Klient ausreichend Zeit. Sagen Sie das Zielwort nicht vor.
Die sechs SFA-Fragen
Für Substantive
• Kategorie: „Was ist das für ein Ding?“
• Verwendung: „Wofür benutzt du es?“
• Handlung: „Was macht es oder was machst du damit?“
• Eigenschaften: „Wie sieht es aus oder fühlt es sich an?“
• Ort: „Wo findest oder bewahrst du es auf?“
• Assoziation: „Was passt dazu oder woran erinnert es dich?“
Für Verben
• Wer: „Wer macht das normalerweise?“
• Warum: „Warum machst du das?“
• Wie: „Welches Körperteil oder Werkzeug benutzt du?“
• Wo: „Wo passiert das?“
• Wann: „Wann passiert es? Wie oft?“
• Ergebnis: „Was passiert danach? Was ändert sich?“
Halten Sie die Fragen kurz und geben Sie dem Klient Zeit. Loben Sie Äußerungen in welcher Form auch immer der Klient sie ausdrücken kann.
4. Unterstützung bei Schwierigkeiten
- Auswahlfragen („Küche oder Garten?“)
- Ja/Nein-Fragen
- Zeigen, Gesten, Zeichnen
- Satzergänzungen
5. Sobald alle oder die meisten Merkmale identifiziert wurden, bitten Sie den Klient, das Item erneut zu benennen.
Wenn der Klient immer noch Schwierigkeiten hat, das Ziel zu benennen, kann der Therapeut versuchen:
- Satzanfang vorgeben
- Lautlichen Hinweis geben
- Schriftlichen Hinweis geben
- Wort vorsagen und wiederholen lassen
6. Sobald der Klient das Wort abgerufen oder wiederholt hat, bekräftigen und benennen Sie es erneut:
„Ja, Kaffee! Das ist das heiße, schwarze Getränk — das finden wir oft in der Küche.“
Wie man die Semantische Merkmalsanalyse personalisiert und aussagekräftig macht
Um die Semantische Merkmalsanalyse so funktionell und nützlich wie möglich zu gestalten, sollten Sie sich auf Items konzentrieren, die der Klient häufig verwenden muss und die für ihn wichtig sind. Angesichts der Tatsache, dass sich Verbesserungen wahrscheinlich größtenteils oder vollständig auf in Trainingseinheiten trainierte Items beschränken werden, ist es wichtig, die richtigen Kategorien und den richtigen Wortschatz ins Visier zu nehmen.
Sie können die SFA auch an die Namen von Familienmitgliedern und Freunden anpassen (z. B. mit wem sind sie verheiratet? Wer sind ihre Kinder? Wo leben sie? Wie sehen sie aus? Was machen sie beruflich? Was sind ihre Hobbys?).
Übung zu Hause
Stellen Sie dem Klient und/oder seiner Familie SFA-Diagramme und unsere Kurzanleitung zur Verfügung, um das häusliche Üben zu unterstützen.
FAQ
Was ist die Semantische Merkmalsanalyse?
Eine Benennungstherapie, bei der die Verbindungen zwischen Wörtern und Bedeutungen gestärkt werden, indem Merkmale besprochen werden. Hierdurch soll eine Verbesserung der Wortfindung stattfinden.
Für wen ist die SFA geeignet?
Vor allem bei leichter bis mittelschwerer Aphasie mit ausreichendem Sprachverständnis.
Hilft es allen?
Nicht immer. Bei geeigneten Klienten ist eine Verbesserung bei der Benennung trainierter Items wahrscheinlich; die Verallgemeinerung auf untrainierte Items kann sehr begrenzt sein.
Wie oft? Wie lang sollten die Sitzungen sein?
Typisch: 45–60 Minuten, 2–3× pro Woche, über 10–20 Sitzungen.
Kannst du die SFA auch verwenden, um an der Benennung von Verben zu arbeiten?
Ja. Die Fragen können auch an Verben angepasst werden. Zum Beispiel: „Wer macht das?“ , „Warum würdest du das tun?“ , „Wo passiert das?“ , „Welches Körperteil oder Werkzeug benutzt du?“.
Was ist, wenn das Wort nie kommt?
Die SFA kann auch dann wertvoll sein, wenn der Klient das Zielwort nach der Identifizierung der semantischen Merkmale nicht benennen kann, da sie Umschreibungsstrategien fördert.
Wie können Familie und Betreuer bei SFA helfen?
Angehörige und Betreuer können durch häusliches Üben der SFA zwischen den Therapiesitzungen den Fortschritt unterstützen. Mit Geduld, Hinweisen und Lob.
Sollte der Klient alle Wörter bearbeiten?
Nein. Konzentrieren Sie sich auf die Bearbeitung schwieriger Wörter.
Über den Autor
Oli Cheadle ist ein in Großbritannien tätiger Sprach- und Sprechtherapeut bei Cognishine sowie klinisch in der Schlaganfallrehabilitation tätig. Er arbeitet in den Bereichen Aphasie, Sprechapraxie, Dysarthrie und Dysphagie und ist zudem auf die Therapie von Stottern spezialisiert.
Er betreibt The Aphasia Therapy Planner – eine Website, die Sprachtherapeut:innen dabei unterstützt, passende Aphasie-Therapien für ihre Klient:innen zu finden:
www.aphasiatherapyplanner.weebly.com/
Außerdem führt Oli Stuttering Therapy Online (https://www.stutteringtherapyonline.com/), eine private Therapieplattform sowie eine Informations- und Ressourcenplattform rund um das Thema Stottern.
Referenzen
Boyle, M., & Coelho, C. A. (1995). Application of Semantic Feature Analysis as a Treatment for Aphasic Dysnomia. American Journal of Speech-Language Pathology, 4(4), 94–98. https://doi.org/10.1044/1058-0360.0404.94
Boyle, M. (2010). Semantic feature analysis treatment for aphasic word retrieval impairments: What’s in a name? Topics in Stroke Rehabilitation, 17(6), 411–422. https://doi.org/10.1310/tsr1706-411
Maddy, K. M., Capilouto, G. J., & McComas, K. L. (2014). The effectiveness of semantic feature analysis: An evidence-based systematic review. Annals of Physical and Rehabilitation Medicine, 57(4), 254–267. https://doi.org/10.1016/j.rehab.2014.03.002
Efstratiadou, E. A., Papathanasiou, I., Holland, R., Masterson, J., & Hilari, K. (2018). A Systematic Review of Semantic Feature Analysis Therapy Studies for Aphasia. Journal of Speech, Language, and Hearing Research, 61(5), 1261–1278. https://doi.org/10.1044/2018_JSLHR-L-16-0330 (open-access author manuscript: City, University of London).
Wambaugh, J. L., Wright, S., & Mauszycki, S. (2014). Semantic feature analysis: Application to confrontation naming of actions in aphasia. Aphasiology, 28(1), 1–24. https://doi.org/10.1080/02687038.2013.845739
Kiran, S., & Thompson, C. K. (2003). The role of semantic complexity in treatment of naming deficits: Training atypical exemplars leads to generalization to typical exemplars. Aphasiology, 17(5), 389–406. (Open-access version available via PMC.)
See also: Kiran, S. (2007). Complexity in language learning and treatment. American Journal of Speech-Language Pathology, 16(1), 43–56. https://doi.org/10.1044/1058-0360(2007/002)
Freed, D., & Torstensen, K. (2013). A comparison of Semantic Feature Analysis and Promoting Aphasics’ Communicative Effectiveness for treating anomia in patients with aphasia. Paper presented at the Clinical Aphasiology Conference (Tucson, AZ). (Conference abstract/slides referenced online; appears not to be a peer-reviewed journal article.)


