Hilfe-Hierarchien in der Aphasietherapie neu denken: Eine TUF-basierte Perspektive (Treatment of Underlying Forms)

Alona Novak, Logopädin
Bildung

Auf einen Blick

Was ist Treatment of Underlying Forms (TUF)?

Ein evidenzbasierter Ansatz auf Satzebene, der zunächst komplexe Satzstrukturen trainiert, um umfassendere sprachliche Veränderungen zu fördern – anstatt ausschließlich von kleineren zu größeren sprachlichen Einheiten fortzuschreiten.

Für wen ist es geeignet?

Am besten für Menschen mit Aphasie, die sich sinnvoll mit Satzkontexten auseinandersetzen können. Personen mit milderen Beeinträchtigungen zeigen tendenziell größere Fortschritte; der Ansatz kann mit entsprechender Unterstützung auch bei stärkeren Einschränkungen angepasst werden.

Warum einen TUF-basierten Ansatz nutzen?

Eine bayesianische Metaanalyse aus dem Jahr 2021 zu TUF-Studien zeigte konsistente Evidenz dafür, dass satzbasierte Therapie die Genauigkeit während der Behandlung erhöht. Die größten Fortschritte zeigten sich bei trainierten Sätzen, mit teilweiser Generalisierung auf verwandte, weniger komplexe Satzstrukturen. Zudem wuchsen die Therapieeffekte mit der Anzahl der Sitzungen, und Personen mit milderer Aphasie profitierten stärker.



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Komplexität zuerst: Die Kernidee

Anstatt mit einfacheren, kürzeren sprachlichen Einheiten zu beginnen, setzt Treatment of Underlying Forms (TUF) von Anfang an bei komplexen Satzstrukturen an. Die zugrunde liegende Idee ist, dass die Arbeit auf höherer sprachlicher Komplexität umfassendere Veränderungen im gesamten Sprachsystem anstoßen kann. Der Satz ist in diesem Rahmen nicht das Endziel, sondern das Mittel zur Stärkung zugrunde liegender sprachlicher Repräsentationen.

Neuere Forschung unterstützt diesen Ansatz weiterhin. Eine Metaanalyse von Thompson (2021), die mehrere TUF-Studien zusammenfasste, zeigte robuste Therapieeffekte für satzbasierte Interventionen. Wichtig ist, dass die Verbesserungen nicht auf trainierte Strukturen beschränkt blieben: In vielen Fällen generalisierten die Fortschritte auf verwandte, weniger komplexe Satzformen. Das umgekehrte Muster – einfache Formen trainieren und eine Generalisierung nach oben erwarten – erwies sich hingegen als deutlich weniger zuverlässig.

Klinisch erklärt dies eine Beobachtung, die viele von uns aus der Praxis kennen: Manche Klient:innen finden Wörter im Satzkontext leichter als isoliert, und ihre Sprache wirkt stabiler und strukturierter, wenn sie durch Bedeutung und Struktur gestützt wird. Die Arbeit auf Satzebene kann kognitive und motorische Anforderungen reduzieren, indem sie die Belastung auf semantische, syntaktische und pragmatische Hinweise verteilt.

TUF besagt nicht, dass Training auf Wortebene unnötig oder unwirksam ist. Vielmehr stellt es die Annahme infrage, dass Therapie stets von einfach zu komplex verlaufen muss. Für manche Klient:innen bieten Sätze nicht Überforderung, sondern ein Gerüst – und damit einen funktionaleren und neurologisch effizienteren Weg zur Sprachrehabilitation.

Tabelle zur Veranschaulichung der traditionellen Hierarchie im Vergleich zu einem TUF-informierten Ansatz

Wie lässt sich TUF Angehörigen erklären?

Anstatt einzelne Wörter zu üben und zu hoffen, dass sie später in Sätze eingebaut werden können, beginnen wir manchmal direkt mit ganzen Sätzen. Der Satz gibt dem Gehirn mehr Unterstützung – durch Bedeutung, Struktur und Kontext – was es tatsächlich erleichtern kann, Wörter zu finden und klarer auszusprechen. Das bedeutet nicht, dass wir einfachere Übungen komplett auslassen, sondern dass wir Sätze als stützendes Gerüst nutzen.

Forschung zeigt, dass das Üben komplexerer sprachlicher Strukturen auch einfachere Strukturen verbessern kann – insbesondere, wenn die Therapie gut auf die Person abgestimmt ist und über ausreichend Zeit durchgeführt wird.

FAQ

Was ist Treatment of Underlying Forms (TUF)?

TUF ist ein Ansatz auf Satzebene, der komplexe Satzstrukturen trainiert, um umfassendere sprachliche Veränderungen zu unterstützen, anstatt schrittweise von isolierten Wörtern auszugehen.

Für wen ist TUF geeignet?

Vor allem für Menschen mit Aphasie, die sich mit satzbasiertem Material auseinandersetzen können – insbesondere dann, wenn sich Fortschritte aus reinem Worttraining nur begrenzt in den Alltag übertragen.

Wie können Sprachtherapeut:innen TUF in der Praxis einsetzen?

Therapeut:innen können TUF-Prinzipien anwenden, indem sie früher satzbasierte Aufgaben einführen, komplexe Strukturen nutzen und den Satzkontext gezielt zur Unterstützung von Wortfindung und Sprachstabilität einsetzen.

Ist TUF für alle geeignet?

Nein. TUF ist kein universeller Ansatz und sollte individuell ausgewählt werden – abhängig vom Sprachverständnis, dem Schweregrad der Aphasie und der Reaktion auf die Therapie.

Warum kann Arbeit auf Satzebene manchen Klient:innen mehr helfen als Worttraining?

Der Satzkontext bietet semantische und syntaktische Unterstützung, die kognitive und motorische Anforderungen reduzieren kann. Dadurch wird Wortfindung erleichtert und die Sprachproduktion stabiler.

Kann TUF in der Teletherapie eingesetzt werden?

Ja. TUF lässt sich gut in teletherapeutische Settings integrieren. Satzbasierte Aufgaben können über strukturierte visuelle Stimuli, Lesen und Gesprächsführung vermittelt werden. Digitale Rehabilitationslösungen und zugängliche Therapiesoftware ermöglichen eine effektive Fortsetzung satzbasierter Therapie auch zu Hause – begleitet durch fachliche Anleitung.

Über die Autorin

Alona Novak ist eine in Portugal tätige Sprachtherapeutin. Sie arbeitet sowohl für Cognishine und praktiziert darüber hinaus in der Schlaganfallrehabilitation mit den Schwerpunkten Aphasie, Sprechapraxie und Dysarthrie. Sie behandelt zudem Stimmstörungen und bietet Therapie in Hebräisch und Russisch an.

Quellenangaben

  • Thompson, C. K. (2021). Treatment of underlying forms: A Bayesian meta-analysis of the effects of treatment and person-related variables on treatment response. Journal of Speech, Language, and Hearing Research, 64(10), 4033–4052.
  • Thompson, C. K., & Shapiro, L. P. (2007). Complexity in treatment of syntactic deficits. American Journal of Speech-Language Pathology.
  • Shapiro, L. P., & Thompson, C. K. (2006). Treatment of underlying forms: A linguistic approach.