Bildschirmzeit aus therapeutischer Perspektive: Die „passende“ Balance finden.
Bildschirme sind allgegenwärtig – zu Hause, in der Schule, in Wartebereichen und zunehmend auch als Bestandteil therapeutischer Interventionen. Für Therapeut:innen und Eltern stellt sich längst nicht mehr die Frage „Bildschirmzeit: ja oder nein?“, sondern vielmehr:
Wie viel? Welche Inhalte? Und unter welchen Rahmenbedingungen?
(Canadian Paediatric Society, 2017)
In der ergotherapeutischen Praxis – insbesondere während und nach der COVID-19-Pandemie – hat sich gezeigt, dass viele Kinder von einer gezielten Kombination aus digitalen und analogen Übungen profitieren. Dabei werden Bildschirmmedien bewusst und therapeutisch sinnvoll eingesetzt, während Bewegung, Spiel und alltagsrelevante Betätigung weiterhin im Zentrum der Intervention stehen.

Bildschirme sind nicht der Feind - sie sind ein Werkzeug
For occupational therapists, the takeaway is clear:
Für Ergotherapeut:innen ist die Schlussfolgerung klar: Bildschirmmedien sind weder per se schädlich noch automatisch therapeutisch wirksam. Sie stellen vielmehr einen Bestandteil der Umwelt des Kindes dar – ein Werkzeug unter vielen.
(American Academy of Pediatrics, 2016)
Entscheidend sind dabei vor allem:
- das Ausmaß der Nutzung,
- der Zweck,
- sowie die begleitenden Rahmenbedingungen.
Diese Faktoren bestimmen, ob Bildschirmzeit die grundlegenden Alltagsbetätigungen eines Kindes unterstützt oder beeinträchtigt, darunter:
- Spiel
- Lernen
- Schlaf
- Selbstversorgung
- soziale Teilhabe
Aus ergotherapeutischer Perspektive ermöglicht diese Sichtweise, sich von schuldbehafteten „Alles-oder-nichts“-Ansätzen zu lösen. Stattdessen rückt die Entwicklung alltagsnaher, familienindividueller Strategien in den Vordergrund, die im realen Lebenskontext umsetzbar sind.
(Canadian Paediatric Society, 2022)
Bildschirmzeit ist Teil eines größeren 24-Stunden-Gesamtbildes
Moderne gesundheitsbezogene Empfehlungen betrachten Bildschirmzeit zunehmend als einen Bestandteil eines umfassenden täglichen Gleichgewichts – neben Bewegung, Schlaf und sozialer Interaktion.
(Saunders et al., 2016)
Für jüngere Kinder lässt sich die Empfehlung einfach zusammenfassen: „Weniger sitzen, mehr spielen.“
In den frühen Entwicklungsjahren wird eine möglichst geringe sitzende Bildschirmzeit empfohlen.
Mit zunehmendem Alter verschiebt sich der Fokus der Leitlinien hin zu einer ausgewogenen Balance zwischen:
- körperlicher Aktivität
- Schlaf
- bewegungsarmen Verhalten (einschließlich freizeitbezogener Bildschirmnutzung)
Pädiatrische Fachgesellschaften betonen dabei übereinstimmend, dass die Qualität wichtiger ist als die reine Dauer der Nutzung. Hochwertige Inhalte, gemeinsames Nutzen mit einer aktiv begleitenden Bezugsperson sowie klare, konsistente Familienregeln haben häufig einen größeren Einfluss als starre Zeitbegrenzungen allein.
(American Academy of Pediatrics, 2016)
Gleichzeitig zeigt die Studienlage wiederholt, dass eine erhöhte Bildschirmzeit – insbesondere in den Abendstunden – mit einer schlechteren Schlafqualität bei Schulkindern und Jugendlichen in Zusammenhang steht. (Hale & Guan, 2015)
Wenn Bildschirmmedien sinnvoll eingesetzt werden: Gezielte und begleitete Nutzung
Bildschirmmedien entfalten ihren größten Nutzen, wenn sie bewusst und zielgerichtet eingesetzt werden – und nicht als Standardlösung im Alltag.
Hochwertige, edukative Inhalte gewinnen deutlich an therapeutischem Wert, wenn sie gemeinsam mit einer aktiv begleitenden Bezugsperson genutzt werden, zum Beispiel durch:
- Kommentieren, was das Kind sieht
- Gezieltes Fragenstellen
- Verknüpfen der Inhalte mit Alltagserfahrungen
Auf diese Weise wird passiver Medienkonsum in eine aktive Förderung von Sprache, Wissen und Kompetenzen überführt.
(Canadian Paediatric Society, 2017)
Digitale Medien können zudem soziale Teilhabe unterstützen, beispielsweise durch:
- Videoanrufe mit entfernten Familienmitgliedern
- kooperative Spiele
- kreative digitale Plattformen
Dies kann insbesondere für Kinder bedeutsam sein, die Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion haben oder während der Pandemie Phasen sozialer Isolation erlebt haben.
In der ergotherapeutischen Praxis kann ein gezielter Einsatz von Bildschirmmedien unter anderem folgende Förderbereiche adressieren:
- Visuomotorische Koordination
(z. B. durch kurze, strukturierte Spiele) - Exekutive Funktionen
(z. B. mithilfe von Timern, visuellen Plänen oder Planungs-Apps) - Kommunikation
(z. B. durch unterstützte Kommunikation mittels UK-Apps) - Aufmerksamkeitssteuerung
(z. B. durch dosiertes Aufmerksamkeitstraining in Kombination mit Bewegungsphasen)
Wie ich Bildschirmmedien in der schulbasierten Ergotherapie eingesetzt habe
In meiner schulbasierten ergotherapeutischen Arbeit gab es bei der Nutzung von Bildschirmmedien keinen „Einheitsansatz“. Der Einsatz richtete sich stets individuell danach, was das jeweilige Kind beim Betreten des Therapieraums benötigte.
Ein Kind, das unruhig, übererregt oder dysreguliert ankam, begann häufig mit einer kurzen Bewegungssequenz, zum Beispiel:
- Hampelmänner
- Tierbewegungen imitieren
- kurze Tanzpausen
Dies unterstützte den Spannungsabbau und die Regulation des Körpers.
Ein Kind, das hingegen müde, überfordert oder zurückgezogen wirkte, startete eher mit beruhigenden sensorischen Reizen oder angeleiteten Atemübungen, um das Aktivierungsniveau zu senken und ein Gefühl von Sicherheit zu schaffen. (Canadian Paediatric Society, 2022)
Anschließend konnte gezielt ein kurzer, bewusst ausgewählter Videoinhalt als ko-regulierendes Übergangselement eingesetzt werden, bevor in strukturierte, sitzende Aufgaben wie z. B. Schreibübungen übergeleitet wurde.
In dieser Form eingesetzt – kurz, vorhersehbar und eingebettet in eine übergeordnete Regulationsstrategie – blieb Bildschirmzeit eine unterstützende Maßnahme und stand nie im Mittelpunkt der Therapieeinheit.
Ein Praxisbeispiel: Jonah und sein „Nachmittags-Wutanfall“
Betrachten wir Jonah, einen 7-jährigen Jungen, der nach der Schule häufig erschöpft und schnell frustriert nach Hause kommt. Seine Eltern beobachteten, dass das Tablet – zunächst „nur zur Beruhigung“ eingesetzt – oft zu längeren Nutzungsphasen führte, gefolgt von intensiven emotionalen Reaktionen, sobald die Nutzung beendet werden sollte.
Mit entsprechender Anleitung können Familien wie die von Jonas lernen, den Ablauf gezielt neu zu strukturieren:
1. Einstieg mit Bewegung
(z. B. ein kurzes, energiegeladenes Spiel nach der Schule)
2. Anschließend ein kurzer, ruhiger Videoinhalt – idealerweise gemeinsam angeschaut
3. Übergang in eine vorhersehbare, bildschirmfreie Aktivität
(z. B. Snackzeit oder ruhiges Spiel am Tisch)
In diesem Ablauf wird das Bildschirmmedium zu einem kurzen, verlässlichen Übergangselement, das gezielt zwischen Bewegung und alltagsbezogener Aktivität eingebettet ist und nicht zum zentralen Bestandteil des Nachmittags wird.
Aus ergotherapeutischer Perspektive geht es dabei nicht um den vollständigen Verzicht auf Bildschirmmedien, sondern darum, sie als einen kleinen Baustein innerhalb eines ausgewogenen Alltags zu integrieren – eingebettet in Bewegung, Spiel, Schlaf, Lernen und soziale Interaktion.
Wenn Familien ihre individuell passende „Just-right“-Balance finden, kann Bildschirmzeit Teil einer gesunden Entwicklung sein, während die bedeutsamen Alltagsbetätigungen des Kindes weiterhin klar im Mittelpunkt stehen.
(Canadian Paediatric Society, 2022)
Literatur
- Canadian Paediatric Society. (2017). Screen time and young children: Promoting health and development in a digital world.
- Canadian Paediatric Society. (2022). Screen time and preschool children.
- Saunders, T. J., et al. (2016). Canadian 24-Hour Movement Guidelines for Children and Youth.
- Hale, L., & Guan, S. (2015). Screen time and sleep among school-aged children and adolescents.
- American Academy of Pediatrics. (2016). Media and young minds.


