Teletherapie ist kein Kompromiss? Das sagt die Forschung!

Rebecca Elsner, Logopädin

Teletherapie ist kein Kompromiss? Das sagt die Forschung!

Was passiert mit der therapeutischen Beziehung, wenn Logopädie durch einen Bildschirm stattfindet? Mehr als viele denken – und mit solider Evidenz.

Videotherapie begann während der COVID-19-Pandemie als Notlösung – und wurde zur anerkannten Regelleistung. Doch hat sie sich auch therapeutisch bewährt? Ein Blick auf die Forschungslage zeigt: Teletherapie ist kein Kompromiss, sondern ein eigenständiges Format mit echten Stärken.

Als im Frühjahr 2020 die Praxistüren schlossen, standen Logopädinnen und Logopäden vor einer einfachen Frage: aufhören oder weitermachen – aber wie? Die Antwort war Videotherapie, und sie kam schneller als erwartet. Sondergenehmigungen der Krankenkassen ermöglichten erstmals die flächendeckende Durchführung digitaler Sprachtherapie in der ambulanten Versorgung (Lauer, 2020). Was als Ausnahme galt, ist inzwischen Normalität: Seit September 2022 ist Videotherapie dauerhaft als Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung verankert (Hecht et al., 2022).

Doch rechtliche Anerkennung allein sagt noch nichts über therapeutischen Wert. Die eigentliche Frage lautet: Was passiert mit der therapeutischen Beziehung, wenn sie in den digitalen Raum verlagert wird?

Die Evidenz ist schwer zu ignorieren.

Die Forschung zeigt konsistent, dass:

  • Teletherapie für viele Klientengruppen vergleichbare Ergebnisse wie Präsenztherapie erzielen kann.
  • Die digitale Durchführung den Zugang zu therapeutischen Angeboten verbessert, insbesondere für Menschen in ländlichen Regionen oder mit eingeschränkter Mobilität.
  • Familienangehörige und Bezugspersonen leichter in den therapeutischen Prozess eingebunden werden können.
  • Therapeutinnen und Therapeuten durch die digitale Praxis neue therapeutische und technische Kompetenzen entwickeln.

In einer deutschlandweiten Online-Befragung mit 816 ambulant tätigen Logopädinnen und Logopäden berichteten die Teilnehmenden nicht nur über hohe Nutzungszahlen, sondern auch über neue methodische und technische Kompetenzen, die sie im Zuge der Videotherapie aufgebaut hatten (Wittmar et al., 2023). Besonders häufig eingesetzt wurde Teletherapie bei Sprachentwicklungsstörungen, Artikulationsstörungen und Aphasien – allesamt Störungsbilder, bei denen die therapeutische Beziehung eine zentrale Rolle spielt.

Was während der Pandemie als Notlösung begann, hat sich inzwischen zu einem anerkannten Versorgungsmodell entwickelt, das durch eine wachsende wissenschaftliche Evidenz gestützt wird.

Was digitale Therapie wirklich verändert

Die Sorge ist berechtigt: Logopädie lebt von Kommunikation – von Blickkontakt, Stimme, Mimik, körperlicher Nähe. All das scheint hinter einem Bildschirm zu verschwinden. Und tatsächlich zeigen Studien, dass nonverbale Signale im Videoformat nur eingeschränkt wahrnehmbar sind, dass technische Verzögerungen Gesprächsflüsse stören und dass der Beziehungsaufbau – besonders bei Neupatient:innen – bewusster gestaltet werden muss (Lauer, 2020; Schwinn et al., 2020).

Aber: Veränderung bedeutet nicht Verschlechterung.

Überraschender Befund zur Empathie: In einer Studie von Sperandeo et al. (2021) nahmen Patient:innen ihre Therapeut:innen im digitalen Setting als deutlich empathischer und unterstützender wahr als in der Präsenztherapie. Ein möglicher Grund: Das häusliche Umfeld schafft weniger Praxisstress, mehr Kontrolle über das Setting – und für manche Patient:innen sogar eine psychologische Schutzfunktion, die offenen Austausch erleichtert.

Das passt zur Theorie. Paul Watzlawick hat es so formuliert: Man kann nicht nicht kommunizieren (Watzlawick et al., 2017). Selbst technische Verzögerungen, Blickkontakt durch die Kamera oder ein kurzes Lächeln vor dem Start einer Übungsplattform wie Cognishine sind Kommunikation. Therapeutisch bedeutet das: Wer im digitalen Raum bewusst kommuniziert, verliert nicht – er gestaltet nur anders.

Das therapeutische Fundament bleibt

Für das Verständnis therapeutischer Wirksamkeit ist Edward S. Bordins Konzept der Working Alliance (1979) zentral. Er unterscheidet drei Komponenten: die Übereinstimmung bei Therapiezielen (Goals), die Kooperation bei therapeutischen Aufgaben (Tasks) und die emotionale Bindung zwischen Patient:in und Therapeut:in (Bond). Dieses Modell gilt therapieschulenübergreifend – und es lässt sich, das ist der entscheidende Punkt, auch auf digitale Settings übertragen.

Hansen et al. (2025) kommen in ihrem Scoping Review zu dem Ergebnis, dass die therapeutische Beziehung ein essenzieller Wirkfaktor logopädischer Therapie ist – unabhängig vom Format. Was sich verändert, ist nicht die Funktion, sondern die Erscheinungsform: Vertrauen, Empathie und gemeinsame Zielorientierung müssen mit anderen Mitteln hergestellt werden.

Die drei Teletherapie-Formate im Überblick

Die American Speech-Language-Hearing Association unterscheidet drei Arten digitaler therapeutischer Versorgung – und jede hat ihren Platz in der logopädischen Praxis (Lauer, 2020):

Synchron
Videotherapie in Echtzeit. Direkter Kontakt, unmittelbares Feedback – der nächste Schritt nach Präsenz.
Asynchron
Digitale Übungsmaterialien, Apps und Plattformen wie Cognishine. Patienten üben eigenständig, Therapeuten werten aus.
Hybrid
Kombination aus Präsenz- und Videotherapie plus digitalen Übungstools. Maximale Flexibilität bei erhaltener Beziehungstiefe.

Das hybride Modell hat sich besonders bewährt. Es erlaubt Präsenztherapie für beziehungsintensive und körpernahe Inhalte, Videotherapie für Kontinuität und Alltagsnähe und digitale Plattformen für das selbstgesteuerte Vertiefen daheim.

Cognishine im Hybrid-Setting: Ein Praxisbeispiel

Herr M., 58 Jahre, lebt mit leichter bis mittelgradiger Aphasie nach einem Schlaganfall in einer ländlichen Region. Regelmäßige Präsenztermine sind für ihn aufgrund eingeschränkter Mobilität kaum möglich. Im hybriden Setting läuft seine Therapie so:

Montag: Präsenztherapie – einmal wöchentlich, wenn seine Frau ihn fahren kann.

Donnerstag: Videotherapie über eine datenschutzkonforme Plattform.

Täglich: Sprachtherapeutische Übungen auf Cognishine, die seine Therapeutin individuell angepasst hat und regelmäßig auswertet.

Was Herr M. über Cognishine berichtet: Die eigenständigen Übungen geben ihm ein Gefühl von Aktivität und Kontrolle. Er sieht seine Fortschritte direkt – und seine Therapeutin kann die Übungen an seinen aktuellen Stand anpassen, ohne dass eine Sitzung nötig ist. Die Einbindung seiner Frau in die Videositzungen hat außerdem den Transfer in den Alltag deutlich erleichtert (vgl. Wittmar et al., 2023).

Cognishine ersetzt dabei nicht die therapeutische Beziehung – es unterstützt sie. Das ist der entscheidende Unterschied.

Was bleibt: Ethische Leitlinien für gute Teletherapie

Videotherapie ist kein Selbstzweck. Sie ist dann vertretbar – und gut – wenn drei Bedingungen erfüllt sind:

1. Freiwilligkeit: Patient:innen stimmen der Videotherapie ausdrücklich zu und können die Einwilligung jederzeit widerrufen. Präsenztherapie muss als Alternative erhalten bleiben (Hecht et al., 2022).

2. Datenschutz: Nur zertifizierte Videodienstanbieter mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung dürfen eingesetzt werden. Die Anforderungen nach Art. 9 DSGVO gelten für Gesundheitsdaten besonders streng.

3. Keine Exklusion: Ältere Patient:innen, Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder geringeren Medienkenntnissen dürfen durch Digitalisierung nicht aus der Versorgung fallen. Technische Einführungen und Angehörigeneinbindung sind hier kein Nice-to-have, sondern Pflicht (Ehlers et al., 2020).

Fazit: Teletherapie ist ein Format, keine Notlösung

Die Frage war: Geht therapeutische Nähe über Distanz? Die Antwort der Forschung ist eindeutig – und differenzierter als die ursprüngliche Befürchtung: Ja, sie geht. Aber sie muss aktiv gestaltet werden.

Therapeutinnen und Therapeuten, die Videotherapie bewusst einsetzen, klare Gesprächsstrukturen schaffen, emotionale Signale verbal benennen und digitale Tools wie Cognishine als Erweiterung des therapeutischen Raums nutzen, können mit Patienten arbeiten, die sie sonst nie hätten erreichen können – ohne dabei das zu verlieren, was Therapie ausmacht.

Das ist kein Kompromiss. Das ist eine Weiterentwicklung.

Literatur: 

Bordin, E. S. (1979). The generalizability of the psychoanalytic concept of the working alliance. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 16(3), 252–260.

Ehlers, A., Heß, M., Frewer-Graumann, S., Olbermann, E. & Stiemke, P. (2020). Digitale Teilhabe und (digitale) Exklusion im Alter. Expertise zum Achten Altersbericht der Bundesregierung.

Hansen, H., Erfmann, K., Göldner, J., Schlüter, R. & Zimmermann, F. (2025). Therapeutische Beziehungen in der Logopädie: ein Scoping Review empirischer Studien. Logos, 173–185.

Hecht, A. et al. (2022). Handlungsempfehlungen für die ambulante logopädische Videotherapie [Report]. HAWK.

Lauer, N. (2020). Teletherapie – hat die Logopädie eine digitale Zukunft? Forum Logopädie, 34(5), 12–17.

Schwinn, S. et al. (2020). Digitalisierungschancen – Umsetzung von Videotherapie im Lockdown. Forum Logopädie, 34(6), 36–40.

Sperandeo, R. et al. (2021). Exploring the Question: "Does Empathy Work in the Same Way in Online and In-Person Therapeutic Settings?" Frontiers in Psychology, 12, 671790.

Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. (2017). Menschliche Kommunikation (13. Aufl.). Hogrefe.

Wittmar, S. et al. (2023). Outpatient speech and language therapy via videoconferencing in Germany during the COVID-19 pandemic. International Journal of Health Professions, 10(1), 1–10.

Über die Autorin:

Rebecca Elsner ist Logopädin sowie Content Contributor & Product Specialist bei Cognishine. Mit ihrer Begeisterung für digitale Therapie, evidenzbasierte Praxis und innovative Technologien verbindet sie klinisches Fachwissen mit der Entwicklung moderner Therapiematerialien. Besonders interessiert sie sich dafür, wie digitale Lösungen Therapeuten unterstützen und den Zugang zu hochwertiger Therapie verbessern können. Dabei treibt sie vor allem ihre Neugier an: sie liebt es, neue Themen zu entdecken, aktuelle Entwicklungen in der Therapie zu verfolgen und kontinuierlich dazuzulernen.