Sich in der Welt der Zweisprachigkeit zurechtfinden: Ein Interview mit der Expertin Olga Sokorova

Alona Novak, Logopädin
Bildung

In unserer globalisierten Welt wachsen immer mehr Kinder mit zwei oder sogar mehreren Sprachen auf. Dennoch wird der Begriff Zweisprachigkeit häufig missverstanden – sowohl von Eltern als auch von Fachkräften. Bedeutet Zweisprachigkeit, zwei Sprachen gleich gut zu sprechen? Kann sie die Sprachentwicklung verzögern? Sollten Familien „bei einer Sprache bleiben“, wenn ein Kind sprachliche Schwierigkeiten hat?

Bei Cognishine unterstützen wir Therapeutinnen und Therapeuten, die in mehrsprachigen und multikulturellen Kontexten arbeiten, und genau diese Fragen begegnen ihnen regelmäßig im Praxisalltag. Um diese Themen näher zu beleuchten, haben wir mit der Expertin Olga Sokorova über die verschiedenen Formen von Zweisprachigkeit, verbreitete Mythen und wichtige Aspekte für die Arbeit mit mehrsprachigen Kindern und ihren Familien gesprochen.

„Zweisprachigkeit ist kein Ein- oder Ausschalter“

Interviewer: Beginnen wir mit den Grundlagen. Wie definieren wir Zweisprachigkeit eigentlich? Viele Menschen denken noch immer, dass sie einfach bedeutet, zwei Sprachen fließend zu sprechen.

Olga: Das ist wahrscheinlich eines der häufigsten Missverständnisse. Tatsächlich ist Zweisprachigkeit kein klar abgegrenzter Zustand, sondern ein Spektrum. Es gibt keine einzige Definition, auf die sich alle einigen, weil Zweisprachigkeit immer durch das sprachliche Umfeld und die Lebenserfahrungen einer Person geprägt wird.

Zum Beispiel kann jemand eine Sprache sicher sprechen, die andere aber nur verstehen. Auch das ist eine Form von Zweisprachigkeit. Häufig sehen wir eine unausgewogene Zweisprachigkeit, bei der eine Sprache stärker ausgeprägt ist, häufiger genutzt wird oder in mehr Lebensbereichen zum Einsatz kommt als die andere.

Statt zu fragen, ob jemand „wirklich zweisprachig“ ist oder nicht, ist es oft hilfreicher zu betrachten, welche Funktion die beiden Sprachen im Alltag der Person erfüllen.

Natürliche und umweltbedingte Zweisprachigkeit

Interviewer: Sie unterscheiden häufig zwischen natürlicher und eher künstlich herbeigeführter Zweisprachigkeit. Was meinen Sie damit?

Olga: Natürliche Zweisprachigkeit entwickelt sich, wenn ein Kind tatsächlich an der Schnittstelle zweier Sprachwelten aufwächst. Beispielsweise wird zu Hause eine Sprache gesprochen und in der Gemeinschaft eine andere, oder das Kind ist regelmäßig und bedeutungsvoll mit zwei lebendigen Sprachsystemen konfrontiert.

Komplizierter wird es, wenn Eltern versuchen, eine zweisprachige Situation ohne ausreichende Unterstützung durch das Umfeld zu schaffen. Stellen Sie sich eine portugiesischsprachige Familie vor, die in Portugal lebt und beschließt, ihr Kind ausschließlich auf Englisch zu erziehen – obwohl es keine englischen Muttersprachler in der Umgebung gibt, keine englischsprachige Gemeinschaft und keinen natürlichen Anlass, Englisch im Alltag zu verwenden. In einem solchen Fall kann die zweite Sprache recht begrenzt bleiben.

Interviewer: Ist das der Punkt, an dem Schwierigkeiten entstehen können?

Olga: Manchmal ja. Mit zunehmendem Alter verstehen Kinder immer besser, wie Sprache in ihrer Umwelt funktioniert. Wenn sie bemerken, dass alle Menschen um sie herum eine Sprache sprechen, von ihnen aber erwartet wird, eine andere Sprache ohne erkennbaren Grund oder sinnvollen Kontext zu verwenden, kann Widerstand entstehen.

Fehlt eine echte kommunikative Umgebung, bleibt die zweite Sprache oft hinsichtlich Wortschatz und Funktion eingeschränkt. Wird der Prozess zu stark erzwungen, kann dies eher Spannungen erzeugen als eine authentische Sprachentwicklung fördern.

Unterstützt oder erschwert Zweisprachigkeit die Entwicklung?

Interviewer: Eine der häufigsten Fragen von Eltern ist, ob Zweisprachigkeit dem Gehirn hilft oder die Entwicklung erschwert.

Olga: Was wir mit Sicherheit sagen können, ist: Zweisprachigkeit schadet der Entwicklung nicht. Das ist ein äußerst wichtiger Punkt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der Kontakt mit zwei Sprachen an sich etwas Schädliches für ein Kind ist.

Was mögliche Vorteile betrifft, weisen Forschende häufig auf eine größere kognitive Flexibilität hin. Zweisprachige Menschen bewegen sich ständig zwischen unterschiedlichen Sprachsystemen, Kontexten und oft auch verschiedenen Möglichkeiten, Bedeutung auszudrücken.

Dieser Prozess – einschließlich dessen, was wir als Code-Switching bezeichnen – trainiert das Gehirn darin, flexibel zwischen Aufgaben, Denkweisen und sprachlichen Anforderungen zu wechseln. Darüber hinaus entwickeln viele zweisprachige Kinder und Erwachsene ein besseres Verständnis dafür, dass dieselbe Realität auf unterschiedliche Weise beschrieben werden kann. Das kann die Perspektivübernahme und geistige Flexibilität fördern.

Verschiedene Formen der Zweisprachigkeit

Interviewer: Können Sie für unsere fachlichen Leserinnen und Leser die wichtigsten Formen der Zweisprachigkeit kurz erläutern?

Olga: Natürlich. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zweisprachige Profile zu beschreiben.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen simultaner und sukzessiver Zweisprachigkeit. Simultan zweisprachige Kinder kommen von sehr früh an mit zwei Sprachen in Kontakt, während sukzessiv zweisprachige Kinder zunächst eine Sprache erwerben und später eine weitere hinzulernen.

Eine weitere Unterscheidung betrifft die ausgewogene und unausgewogene Zweisprachigkeit. Eine wirklich ausgewogene Zweisprachigkeit ist tatsächlich relativ selten. Häufig ist eine Sprache stärker ausgeprägt oder jede Sprache dominiert in unterschiedlichen Lebensbereichen – beispielsweise eine zu Hause und die andere in der Schule.

Außerdem sprechen wir von Herkunftssprachen (Heritage Languages). Dabei handelt es sich um Sprachen, die Kinder über ihre Familie erwerben und die mit ihrer kulturellen Identität verbunden sind, selbst wenn sie in einem anderen Land aufwachsen.

Und schließlich gibt es erzwungene Zweisprachigkeit, die beispielsweise im Zusammenhang mit Migration, Flucht oder Krisensituationen entstehen kann – wenn das Erlernen einer neuen Sprache keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit ist.

Was Sprachtherapeuten beachten sollten

Interviewer: Wenn zweisprachige Kinder zur Diagnostik kommen – was ist das Wichtigste, das Fachkräfte beachten sollten?

Olga: Der wichtigste Grundsatz lautet: Stellen Sie keine monolinguale Diagnose auf Basis nur einer Sprache.

Das ist ein sehr häufiger Fehler. Ein zweisprachiges Kind sollte nicht direkt mit einem einsprachigen Kind verglichen werden, indem dieselben Erwartungen und Bewertungsmaßstäbe angelegt werden. Sein sprachliches Gesamtsystem verteilt sich auf mehrere Sprachen.

Deshalb sollten Fachkräfte den gesamten Wortschatz über beide Sprachen hinweg betrachten. Wenn ein Kind beispielsweise 500 Wörter auf Russisch und 600 Wörter auf Portugiesisch kennt, ist diese Gesamtleistung relevant. Betrachtet man nur eine Sprache isoliert, erhält man kein vollständiges Bild.

Hinzu kommt, dass es bislang keine allgemein etablierten Normwerte für zweisprachige Kinder gibt, wie sie sich viele Kliniker wünschen würden. In der Praxis kann ein leichter Entwicklungsunterschied gegenüber einsprachigen Gleichaltrigen völlig typisch sein. In einigen Fachtraditionen wird eine Entwicklungsabweichung von etwa sechs Monaten noch als unauffällig angesehen.

Fachkräfte sollten daher sorgfältig und reflektiert vorgehen und vermeiden, zweisprachige Entwicklung vorschnell zu pathologisieren.

Interviewer: Und wenn tatsächlich Bedenken bestehen?

Olga: Dann sollte das Kind idealerweise in beiden Sprachen untersucht werden. Optimal ist die Zusammenarbeit mit Fachpersonen, die Muttersprachler oder zumindest sehr kompetente Sprecher der jeweiligen Sprachen sind.

Und noch etwas: Ehrlichkeit ist wichtig. Wenn man wenig Erfahrung mit zweisprachigen Kindern hat, ist es völlig angemessen, Kolleginnen und Kollegen zu konsultieren oder eine zweite Meinung einzuholen. Das ist keine Schwäche, sondern professionelle Verantwortung.

Ein zentraler Grundsatz: Niemals empfehlen, eine Sprache aufzugeben

Interviewer: Eltern wird manchmal geraten, sich auf nur eine Sprache zu konzentrieren – besonders wenn Entwicklungsauffälligkeiten bestehen. Wie sehen Sie das?

Olga: Generell würde ich dringend davon abraten, Familien zu empfehlen, eine ihrer Sprachen aufzugeben.

Sowohl Forschung als auch klinische Erfahrung zeigen, dass Zweisprachigkeit selbst nicht das Problem ist. Das gilt nicht nur für typisch entwickelte Kinder, sondern auch für Kinder mit Entwicklungsbesonderheiten.

Forscherinnen wie Natalia Meyer vertreten beispielsweise die Auffassung, dass selbst bei Kindern im Autismus-Spektrum Zweisprachigkeit nicht automatisch eingeschränkt werden sollte.

Der Verlust einer Familiensprache kann emotionale, soziale und kulturelle Folgen haben. Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zum Wortschatzerwerb – sie bedeutet auch Verbindung, Identität und Zugehörigkeit.

Lesen und Schreiben in mehreren Sprachen

Interviewer: Was passiert, wenn Kinder beginnen, Lesen und Schreiben zu lernen?

Olga: Lese- und Schreibfähigkeiten können sich sprachübergreifend gegenseitig unterstützen – insbesondere dann, wenn die Schriftsysteme ähnlich sind und das Kind das grundlegende Prinzip der Verbindung zwischen Lauten und Buchstaben verstanden hat.

Natürlich erfolgt dieser Transfer nicht immer identisch oder unmittelbar, da sich Sprachen hinsichtlich Lautsystem, Rechtschreibung und Transparenz unterscheiden. Dennoch kann das Verständnis der grundlegenden Logik des Schriftspracherwerbs in einer Sprache das Erlernen einer weiteren Sprache oft erleichtern.

Die Entwicklung der Schriftsprachkompetenz in einer Sprache wird daher häufig zu einer Ressource und nicht zu einem Hindernis.

Warum Sprachtrennung hilfreich sein kann

Interviewer: Sollten Eltern und Therapeutinnen beziehungsweise Therapeuten Sprachen während der Interaktion frei mischen?

Olga: Ich bevorzuge meist eine gewisse Sprachtrennung als Strategie – insbesondere dann, wenn das Ziel darin besteht, die schwächere Sprache zu fördern.

Wenn Sie beispielsweise eine russischsprachige Therapeutin sind und mit einem Kind aus einer russischsprachigen Familie arbeiten, kann es sehr hilfreich sein, konsequent Russisch zu sprechen, auch wenn das Kind in der Umgebungssprache antwortet.

Dadurch wird die weniger dominante Sprache geschützt. Erkennt das Kind, dass die erwachsene Person die dominante Umgebungssprache ebenfalls perfekt beherrscht, wird es oft automatisch zu dieser Sprache wechseln, weil sie einfacher und vertrauter ist.

Kommunikation bleibt selbstverständlich das oberste Ziel. Doch wenn eine gefährdete Sprache erhalten und gestärkt werden soll, spielt die Wahl der Strategie eine wichtige Rolle.

Zweisprachigkeit, Gehirnplastizität und Rehabilitation im Erwachsenenalter

Interviewer: Wir haben bislang hauptsächlich über Kinder gesprochen. Spielt Zweisprachigkeit auch später im Leben eine Rolle?

Olga: Auf jeden Fall. Das ist ein sehr spannendes Forschungsfeld.

Zweisprachigkeit ist kein Heilmittel und bietet keinen garantierten Schutz. Sie scheint jedoch zur sogenannten kognitiven Reserve beizutragen. Einige Studien deuten darauf hin, dass sich klinische Symptome einer Demenz bei zweisprachigen Erwachsenen später zeigen können als bei einsprachigen Erwachsenen.

Die Idee dahinter ist nicht, dass zweisprachige Menschen immun wären, sondern dass das Gehirn im Laufe der Zeit flexiblere Kompensationsmechanismen entwickeln kann.

Interviewer: Hängt das erneut mit dem Code-Switching zusammen?

Olga: Genau. Das Leben mit mehr als einer Sprache erfordert ständige Auswahlprozesse, Hemmung, Wechsel und Anpassung. Diese kontinuierliche geistige Aktivität scheint die Plastizität und Flexibilität des Gehirns zu unterstützen.

Interviewer: Und wie sieht es in der Schlaganfallrehabilitation aus?

Olga: Auch das ist ein wichtiger und wachsender Forschungsbereich. Derzeit arbeiten Forschende daran, bessere Diagnoseinstrumente und Normwerte für zweisprachige Erwachsene nach einem Schlaganfall zu entwickeln, damit sprachliche Rehabilitation individueller und präziser gestaltet werden kann.

Viele dieser Instrumente befinden sich noch in der Weiterentwicklung. Dennoch stellen sie bereits einen bedeutenden Fortschritt gegenüber der früheren Situation dar, in der kaum geeignete Diagnostikmöglichkeiten zur Verfügung standen.

Was Fachkräfte mitnehmen sollten

Für Sprachtherapeutinnen, Sprachtherapeuten und andere Fachkräfte, die mit zweisprachigen Kindern arbeiten, lassen sich einige zentrale Grundsätze ableiten:

  • Betrachten Sie die Sprachen des Kindes als Gesamtsystem und nicht isoliert.
  • Vermeiden Sie direkte Vergleiche mit einsprachigen Kindern.
  • Seien Sie vorsichtig mit vorschnellen Diagnosen von Entwicklungsverzögerungen.
  • Führen Sie bei ernsthaften Bedenken möglichst eine Diagnostik in beiden Sprachen durch.
  • Empfehlen Sie nicht, eine Familiensprache aufzugeben.
  • Holen Sie Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen ein, wenn Ihnen Erfahrung im Bereich Zweisprachigkeit fehlt.

Abschließende Gedanken

Zweisprachigkeit ist kein Problem, das gelöst werden muss. Sie ist eine komplexe und dynamische Entwicklungsrealität, die ein differenziertes Verständnis erfordert.

Für Eltern bedeutet das, vereinfachte Ratschläge kritisch zu hinterfragen. Für Fachkräfte bedeutet es, sorgfältig zu diagnostizieren, systemisch zu denken und anzuerkennen, dass zweisprachige Kinder nicht in monolinguale Bewertungsrahmen passen.

Wie Olga betont, sollte das Ziel nicht darin bestehen, Kinder in ein idealisiertes Bild von Zweisprachigkeit zu pressen, sondern die Sprachen zu unterstützen, die tatsächlich zu ihrem Leben gehören.

Über Olga Sokorova

Olga Sokorova ist Linguistin, Philologin und Kuratorin einer privaten Kinderbibliothek in Lissabon. Als Doktorandin an der Katholischen Universität Lissabon forscht sie zum Thema kindliche Zweisprachigkeit. Sie arbeitet mit mehrsprachigen Familien in drei Sprachen und stützt sich dabei auf ein internationales Netzwerk von über 150 Familien aus Nigeria, Belgien, Madeira und Portugal.